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Von Cesare bis Major Strasser: Conrad Veidt

Anlässlich seines 125. Geburtstages am 22. Januar 2018 und seines 75. Todestages am 03. April 2018 würdigt Autorin Bettina Müller den legendären Schauspieler Conrad Veidt.

Verzerrte, expressionistische Bühnenbilder. Eine große schlanke Gestalt schleicht durch die Nacht und drückt sich an der Wand entlang. Sie wirkt katzenhaft, mit einer Aura der Einsamkeit umflort, aber auch seltsam bedrohlich. Ein sargartiges Gebilde, in dem die Gestalt schläft, dirigiert von dem mysteriösen Dr. Caligari, der Cesare als Jahrmarktsattraktion durch das Land befiehlt und ihn auf sein Geheiß hin morden lässt. Als Cesare in einer Szene die großen, schwarz umrandeten Augen zum ersten Mal nach langem tiefem Schlaf öffnet, soll eine Kinobesucherin in Ohnmacht gefallen sein.

Es war diese Rolle in Das Cabinet des Dr. Caligari, die 1920 den Schauspieler Conrad Veidt auf das Eindrücklichste dem Kinopublikum nahe brachte, das verstört und gleichzeitig fasziniert von dem Schauspieler mit der prägnanten Physiognomie war. Der Film spiegelte die Zeitumstände wieder, alles war aus den Fugen geraten, die Weimarer Republik instabil. Weitere Krisen sollten das Land auch in den Folgejahren erschüttern. Der expressionistische Stummfilm war geboren, der Angst und Entsetzen in düsteren Bildern kongenial auf die Leinwand bannte.

Conrad Veidt versuchte schon früh, sich von seinem dämonischen Image loszusagen, das vor allem durch "Caligari" entstanden war, dies sollte ihm jedoch nie völlig gelingen. Dass er ursprünglich Theaterschauspieler war, rückte zunehmend in den Hintergrund. Zeitgenössische Starpostkarten des Ross-Verlags verkauften ihn als bestimmten Typus, zum Beispiel dekadent, mit einer Zigarette in der Hand, elegant gekleidet, jedoch mit schwarz umrandeten Augen, die Verruchtheit andeuten und den „dämonischen Blick“ betonen sollten.

Hans Walter Conrad Veidt kam am 22. Januar 1893 als Sohn des Feldwebels Philipp Heinrich Veidt und dessen Ehefrau Amalie Marie Anna (geborene Göhtz) in Berlin zur Welt. Das Theater wurde schnell seine Leidenschaft, die schulischen Leistungen litten darunter. Einmal an Max Reinhardts Deutschem Theater vorsprechen, das war es, was ihn antrieb. Nach dem 1. Weltkrieg bekam er endlich die lang ersehnte Chance: eine erste Statistenrolle. Es folgten weitere Rollen in zumeist klassischen Stücken, dann lockte der Stummfilm und Veidt sollte einer der größten deutschen Stars des noch jungen Mediums werden.

Von Anfang an stach Veidt dabei als ungewöhnlich heraus. Er fiel auf, das Publikum wollte mehr über ihn wissen. Dabei entpuppte sich Veidt als unzuverlässiger Berichterstatter über sein eigenes Leben. In Potsdam sei er geboren worden, eine Falschmeldung, die er bewusst in die Welt setzte. Durch seinen ersten Biographen, Paul Ickes, ließ er sich 1927 als braven und vor allem völlig „undämonischen“ Familienmenschen porträtieren, der die Abende lieber zu Hause bei Frau und Kind (Tochter Vera Viola Marie, 1925-2004, stammte aus seiner zweiten Ehe mit Felizitas Radtke) verbrachte und dem Berliner Nachtleben völlig entsagte (Paul Ickes: Conrad Veidt. Ein Buch vom Wesen und Werden eines Künstlers. Berlin 1927). Die Gerüchteküche brodelte von Anfang an. Seine Ehen seien nur dem Versuch geschuldet gewesen, seine unzähligen weiblichen Fans bei der Stange zu halten, die nicht wissen sollten, dass er eigentlich homosexuell sei. Besonders der Stummfilm Anders als die Anderen (Deutschland 1919) befeuerte die Gerüchte, einer der so genannten „Aufklärungsfilme“ des Regisseurs Richard Oswald, in dem Veidt einen homosexuellen Musiklehrer spielt, der sich in seinen Schüler verliebt, deswegen erpresst wird und am Ende Selbstmord begeht.

Auffällig in den verschiedenen Selbstzeugnissen Veidt war auch, dass er darin nie auf die Herkunft seines Vaters Philipp Heinrich Veidt einging. Dessen Herkunft aus einer rein ländlichen Region wollte wohl so gar nicht zu dem fabrizierten glamourösen Image Veidts passen: Rod an der Weil, ein uraltes Kirchdorf (1279) im waldreichen Hochtaunus. 1714 wurde dort bereits ein Leinenweber Johannes Veit erwähnt, noch heute ist der Name in der Gegend verbreitet. Die Familientradition der Veidts, das Zimmermannshandwerk, hatte Philipp nicht fortgeführt, er entschied sich für eine militärische Laufbahn. 1880 wurde er zum Militär eingezogen, heiratete im selben Jahr in Berlin Anna Göhtz. Es folgte eine schnelle Karriere, die schließlich 1887 mit der Ernennung zum Feldwebel gekrönt wurde. Als er am 31. August 1893 als Invalide aus dem aktiven Militärdienst ausschied, hatte er die Berechtigung, in der Verwaltung arbeiten zu dürfen. Am 21. April 1896 wurde er Kanzlei-Hilfsarbeiter beim Kaiserlichen Gesundheitsamt in Berlin, am 1. Juli 1905 folgte schließlich die Ernennung zum Geheimen Kanzleisekretär im Reichsschatzamt. Seine Gesundheit schien jedoch angeschlagen, der Berliner Arzt Dr. Hugo Flatow bescheinigte ihm schon 1897 hochgradige Nervosität infolge einer Influenza. Auch von einer schweren Operation ist in den Aufzeichnungen die Rede („Acta Per­sonalia betreffend den Kanzleisekretär Veidt beim Gesundheitsamt“. Bundesarchiv R 86/692). Für den korrekten preußischen Soldaten und Beamten war die Berufswahl des Sohnes ein schwerer Schlag mit hohem Konfliktpotential. Conrad konnte den Vater nicht mehr vom Gegenteil überzeugen. Er stand gerade am Anfang seiner erfolgreichen Filmkarriere, als man seinen Vater am Freitag, den 22. Juni 1917 um 20 Uhr tot in seiner Wohnung Salzburger Str. 5 in Berlin-Schöneberg auffand, die Todesursache: Gasvergiftung (s. Ev. Kirchenbuch Alt Schöneberg. Bestattungen Nr. 176/1917).

Trotz seiner erfolgreichen Filmkarriere wurden die Schwierigkeiten, die Conrad Veidt in den 1930er Jahren mit dem politischen System hatte, unübersehbar, zumal seine dritte Ehefrau Lily Prager jüdischer Herkunft war. Seine erste Ehefrau, Gussy Holl, hatte dem Freundeskreis um Kurt Tucholsky angehört. Veidt war es auch, der Tucholsky das Material für den Artikel „Briefe an einen Kinoschauspieler“ lieferte, den Tucholsky als Peter Panter am 25.12.1919 in der Berliner Volkszeitung veröffentlicht hatte. Darin wurde ganz deutlich, dass die vor allem weiblichen Fans die Kinorolle nicht von der Privatperson trennen konnten, was für ausreichend Konfusion sorgte und Veidt mit merkwürdiger, manchmal unfreiwillig komischer Fanpost überschüttet wurde, z.B. : „Du, ich hab’ Dich so furchtbar lieb! Möchtest Du mir nicht ein einziges Mal ein Küsschen geben?“ oder auch „Sie Vampir Sie, Ihr Gang ähnelt einem Tiger“. Endgültiger Karrierekiller in seiner Heimat wurde für Veidt 1934 der englische Film Jew Süss (nicht zu verwechseln mit Jud Süß von Veit Harlan, 1940) von Lothar Mendes, ein historisches Drama, in dem Veidt als Süß Oppenheimer, Minister des württembergischen Herzogs, für die Gleichberechtigung der Juden am Hofe kämpft.

Veidt nahm 1938 schließlich die britische Staatsbürgerschaft an. Es folgten nun Filme in englischer Sprache, darunter The Passing of the Third Floor back (Der Fremde vom dritten Stock). Dieser Film legt nahe, dass die frühe Imageprägung immer noch auf seine Rollen Einfluss nahm. Veidt spielte einen mysteriösen Fremden, der in einer Londoner Pension die Geschicke der Bewohner beeinflusst, in einer Szene sogar lediglich durch einen langen hypnotisierenden Blick. Die junge Pensionsbewohnerin wird daraufhin die von ihrer Mutter erzwungene Ehe mit einem unsympathischen Geschäftsmann nicht eingehen. Bis zum Ende wird die wirkliche Identität Veidts nicht aufgelöst, sie bleibt ambivalent, auch ein Synonym für seine eigene Persönlichkeit bzw. die Wahrnehmung durch das Kino-Publikum.

1940 übersiedelte Veidt in die USA. Seine Geburtsstadt sollte er nicht wiedersehen. Bereits drei Jahre später, am 03. April 1943. starb er in Hollywood beim Golfspiel an einem Herzinfarkt. Auch im Tod kehrte er nicht nach Berlin zurück, seine Urne fand erst Jahrzehnte später mit finanzieller Unterstützung der Conrad Veidt Society in London seine letzte Ruhestätte.

Ein Teil der Filme Veidts ist heute verschollen, erhalten geblieben sind außer den bereits erwähnten aber weitere eindrückliche Leinwandwerke, die seine Schauspielkunst dokumentieren, wie etwa Unheimliche Geschichten (Deutschland 1919), Orlacs Hände (Österreich 1924), Der Student von Prag (Deutschland 1926), Der Dieb von Bagdad (Großbritannien 1940) und sein vorletzter Film Casablanca (USA 1942), in dem er in der Rolle des Major Strasser an der Seite von Ingrid Bergman und Humphrey Bogart zu sehen ist.

Ein ausführlicher Text der Autorin über Conrad Veidt ist im "Mitteilungsblatt der Landesgeschichtlichen Vereinigung für die Mark Brandenburg e.V.", 118 Jg. (2017) H 3, Seiten 143–165, erschienen. mehr

Bild: Stummfilm Magazin/Frank Hoyer