buchwald 2 fotonachweis klaus polkowski 250

In 2022 feiert das "San Francisco Silent Film Festival" (SFSFF) vom 05. bis 11. Mai sein 25-jähriges Jubiläum.

Mit seinem fachkundig und vielfältig kuratierten Programm zählt es zu den bedeutendsten Stummfilmereignissen weltweit. Seit vielen Jahren ist dort auch Günter A. Buchwald mit seinen musikalischen Begleitungen dabei. Stummfilm Magazin sprach mit dem Stummfilmmusiker über das Festival.

Welche Filme werden Sie beim "San Francisco Silent Film Festival" begleiten?

Ich freue mich schon auf die musikalische Vertonung von "Amazing Tales From the Archive". Das Programm gibt einen faszinierenden Einblick in die aktuelle Arbeit international renommierter Filmerbeeinrichtungen. Zusammen mit dem Schlagzeuger Frank Bockius werde ich dann Paul Lenis expressionistischen Epsiodenfilm "Das Wachsfigurenkabinett" (D 1924), Julien Duviviers "The Divine Voyage" (F 1929) und die schwedische Produktion "A Sister Of Six" (1926) musikalisch begleiten. Zudem widme ich mich solo dem späten japanischen Stummfilm "Apart From You" aus dem Jahr 1933. Besonders außergewöhnlich wird dann das musikalische Zusammenspiel mit DJ Spooky und weiteren Musikern: Gemeinsam werden wir Paul D. Millers Live-Filmremix von D. W. Griffiths zurecht umstrittenen, rassistischen Epos "Birth Of A Nation" (USA 1915) musikalisch interpretieren – ein spannendes Projekt, das die zunehmende Auseinandersetzung mit diskriminierenden Aspekten im Filmerbe eindrucksvoll thematisiert.

Wie werden Sie Ihre Stummfilmbegleitungen musikalisch anlegen?

Wichtig ist mir prinzipiell bei meinen Begleitungen der engagierte Versuch, jedem Film gerecht zu werden, also für jedes Werk den adäquaten musikalischen Stil zu finden und den Rhythmus des Films zu entdecken und akustisch zu bedienen. Zudem lege ich Wert darauf, der Story folgend die Momente zu betonen – egal ob tragisch oder komödiantisch – und auch emotional wirkende Pausen zuzulassen.

Was macht das spezielle Ambiente des "San Francisco Silent Film Festival" aus?

castro kino san francisco 250 1Das Besondere der Veranstaltung beginnt schon bei der Location: Das Castro Theatre ist legendär, im Zentrum der Hippiebewegung der 1970er Jahre gelegen, aber noch viel älter. Und es hat einen enormen Zuspruch: Zu den Vorstellungen des SFSFF kommen 1.200 Zuschauer in den opulenten Kinosaal, ob morgens, mittags oder abends. Und der Green Room ist ein Ort der Kommunikation, der Begegnung mit Veranstaltern, VIPs und Kolleg*innen. Das SFSFF ist ein pulsierendes, lebendiges Festival mit einem wunderbar zusammengestellten Programm!

Was waren für Sie SFSFF-Highlights in den letzten Jahren?

Hier nur zwei Beispiele von vielen: Die Begegnung und Zusammenarbeit mit DJ Spooky bei einem der vergangenen Festivals war außergewöhnlich. Zu seinem Soundtrack zu "Body And Soul" (1925), einem Schlüsselwerk des afroamerikanischen Kinos, improvisierte ich mit der Violine. Es ist bislang der einzige Film, bei dem ich meine Augen schliessen konnte und mich ganz der Musik widmete. Und ich war der letzte Musiker, der auf der mittlerweile ausrangierten Kinoorgel im Castro Theatre spielen durfte, übrigens zu Douglas Fairbanks Frühwerk "The Half Breed" (USA 1916).

Wie hat sich das Festival in den letzten Jahren entwickelt? 

Das Festival scheint mir internationaler geworden zu sein und es widmet sich immer mehr der Restaurierung von Filmen, mit entsprechenden Kompositionsaufträgen für uns Musiker*innen. Und was mir auch aufgefallen ist: Ohne die Mitwirkung und Unterstützung seitens der amerikanischen Stummfilmszene, also auch des SFSFF, wären die Stummfilmtage im italienischen Pordenone wohl nicht zu dem weltweit wichtigsten Festival geworden.

buchwald 1 fotonachweis klaus polkowski 250Welche Projekte stehen bei Ihnen nach dem Festival in San Francisco an?

Ich hatte mir immer wieder mal vorgenommen, verstärkt als Dirigent für Stummfilmaufführungen engagiert zu werden, aber nicht gewußt, wie der Weg dorthin gehen würde. Und nun ist es fast überraschend eingetreten: Ich bin seit 2020 Dirigent des "L'Octuor de France" für Stummfilmkonzerte und im Sommer 2022 wird der Klangkörper meine Kammermusikfassung von "Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens" (D 1920) aufführen. Auch wurden nun zwei DVDs produziert mit meinen Arrangements zu "L'Arlésienne" (F 1922) und "La Femme et le Pantin" (F 1929). Und das "Babylon Orchester Berlin" hat mich für Dirigate von "The Kid" (USA 1921), "Modern Times" (USA 1936), "Metropolis" (D 1927) und "City Lights" (USA 1931) eingeladen. Letzeren Film wird es als Open-Air-Event in Freiburg zum 50. Jubiläum des Kommunalen Kino Freiburg geben. Außerdem ist ein neues Projekt zusammen mit dem Zerorchestra Pordenone für das Festival 2022 am Start. Last but not least wird der wunderbare "Casanova" (F 1927) mit meiner Orchesterfassung als DVD editiert werden und eine Liveaufführung der Musik in Stuttgart ist in Planung.

Wir danken Ihnen sehr für die spannenden Einblicke und wünschen Ihnen eine großartige Zeit in San Francisco!
Das Interview führte Frank Hoyer
Bildnachweise: Klaus Polkowski (Portraits Günter A. Buchwald), Günter A. Buchwald (Castro-Theatre San Francisco)

Linktipps
Günter A. Buchwald 
San Francisco Silent Film Festival 
L'Octuor de France

Interviews

100 jahre stummfilm klassiker logo 250

Stummfilm Magazin im Gespräch:

• Ellen Richter-Retrospektive in Berlin: Interview mit Philipp Stiasny über die lange unbeachtete Filmdiva

• UFA Filmnächte: Burkhard Götze über die Aufführung von "Der Berg des Schicksals"

Stummfilmmusiker Richard Siedhoff über die IV. Weimarer Stummfilm-Retrospektive

Filmhistoriker Friedemann Beyer über die UFA Filmnächte 2022

Asta Nielsen: Retrospektive in Potsdam zum 50. Todestag

• Neue Musik für den "Müden Tod": Interview mit Vlady Bystrov

• Stummfilmmusiker Günter A. Buchwald über die 25. Ausgabe des SFSFF

Stephan Graf von Bothmer über "Nosferatu" und das Stummfilmfestival im Berliner "Theater im Delphi"

• 100 Jahre "Häxan": Prof. Dr. Marcus Stiglegger über den Stummfilmklassiker von Benjamin Christensen

"35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin": Interview zur Ausgabe #44 vom Dezember 2021

100 Jahre "Das indische Grabmal": Interview mit Hans-Michael Bock

Musiker Tobias Rank über das WANDERKINO und dessen Publikum

UFA Filmnächte 2021 in Berlin: Im Gespräch mit Helen Müller

Frische Musik für den "müden Tod": Im Gespräch mit Richard Siedhoff

"100 Facts about Babelsberg": Interview mit Autor Sebastian Stielke

• "Das Salz Swanetiens" auf ARTE: Interview mit der Musikerin Masha Khotimski

“The Man Who Laughs”: Prof. Dr. Marcus Stiglegger über die kommende Blu-ray-Veröffentlichung

"Chicago" auf ARTE: Interview mit Franziska Schonger und Dr. Rolf Giesen

• DFF-Schau zum Katastrophenfilm: Interview mit Kuratorin Stefanie Plappert

• Mit Leinwand-Lyrik durch die Coronakrise: Interview mit Ralph Turnheim

Musikaufnahmen zu "Casanova": Interview mit Stummfilmmusiker Günter A. Buchwald

Originalmusik zu "Sumurun" wiederentdeckt: Interview mit Burkhard Götze

cinefest 2020 auf neuen Wegen: Interview mit Festivalleiter Hans-Michael Bock

Richard Siedhoff über die Musikrekonstruktion zu "Golem"

Nina Goslar über die Welturaufführung der rekonstruierten Fassung von "La Roue"

Richard Siedhoff über seine Neukomposition zu "Der letzte Mann"

Sprachakrobat Ralph Turnheim zur kommenden Premiere von "Black Pirate Poetry"

Leinwand-Lyrik mit Ralph Turnheim: "Stummfilmen Stimme geben"