marcus stiglegger fotonachweis sebastian kiener 250Wicked Vision Distribution hat eine deutsche Veröffentlichung von Paul Lenis "The Man Who Laughs" (USA 1928) für Sommer 2021 angekündigt (Trailer auf YouTube).

Das überaus stimmungsvoll und fesselnd inszenierte Werk wurde seinerzeit auch in Deutschland gezeigt, es existieren allerdings keine deutschen Kopien mehr. Anhand des 4K-Masters des beeindruckend restaurierten Films hat Wicked Vision die deutsche Fassung rekonstruiert.

Als Bonusmaterial für die Blu-ray-Ausgabe ist ein längeres Videofeature mit dem Mainzer Filmwissenschaftler Prof. Dr. Marcus Stiglegger (Foto) angekündigt. Stummfilm Magazin sprach mit ihm über die filmhistorische Bedeutung des Films und die anstehende Blu-ray-Veröffentlichung.

"The Man Who Laughs" war lange Zeit meist nur eingefleischten Filmkenner*innen ein Begriff. Wie erklären Sie sich das?

Ich komme ja aus einer Generation, die ab 1980 geprägt wurde durch Sonntagsmatineen im Fernsehsehen oder kommunalen Kinos, wo zahlreiche Stummfilmklassiker immer wieder zu sehen waren. So waren mir Regisseur wie Fritz Lang oder G.W. Pabst schon sehr früh ein Begriff. In diese Zeit fällt auch die Hochphase der klassischen Filmliteratur, etwa die Goldmann Citadel Reihe, Fischer Cinema, die Heyne Filmbibliothek und Rowohlts Genrereihe. Von "The Man Who Laughs" hörte ich erstmals durch William K. Eversons "Klassiker des Horrorfilms" aus dem Goldmann-Verlag, in dem sich atmosphärische Fotos aus dem Film fanden.

Es gelang mir allerdings nie, ihn auf Videokassette oder DVD aufzutreiben, so dass der Film für mich zu einem Mythos wurde. Meine ganze Vorstellung basierte auf den Standfotos und Eversons Einschätzung. Mir war damals aber bereits klar, dass der Film wie sein Zwilling, der ebenfalls auf Victor Hugo basierende "Hunchback of Notre Dame", eher ein Historienmelodram als ein Horrorfilm ist. So dämmerte der Film in meinem filmhistorischen Gedächtnis dahin, bis er zwei Jahrzehnte später wieder aktuell wurde.

Welche filmhistorische und popkulturelle Bedeutung hat "The Man Who Laughs"?

Ich selbst kam wieder auf den Film, als er in James Ellroys hardboiled Roman "The Black Dahlia" Erwähnung fand und den Killer motivierte, worauf darin der Ermittler Bucky Bleicher kommt. Das wird im Film von Brian de Palma noch deutlicher, da hier zudem Filmszenen eingebaut wurden. Den Roman las ich um 1990, als der Film noch immer schwer zu sehen war. Doch sein eigentlicher Einfluss setzte viel früher ein: So inspirierte das Pressefoto des Masken-Makeups von Conrad Veidt die Gestaltung des Joker, jenes dauergrinsenden Gegenspielers von Batman in den DC-Comics. Conrad Veidt war ja eine Ikone des Stummfilmhorrors als zombiehafter Cesare in "Das Cabinet des Dr. Caligari", und gerade sein verzerrtes Grinsen aus "The Man Who Laughs" schrieb sich nachdrücklich in die Hollywood-Ikonographie ein, obwohl der Film nach seiner ersten Auswertung nicht mehr so präsent war.

Veidts Maske wird oft zu den populären Universal-Monstern der 1930er gezählt, und als solche hatte er einen Einfluss auf den Horrorfilm "Mr. Sardonicus" (1961) von William Castle. Gerade die Figur des Joker wurde zu einem bleibenden Bezug in der Popkultur. So orientierte sich zumindest die Darstellung von Jack Nicholson noch an der klassischen Darstellung, während Heath Ledgers Version etwas andere Wege ging. Erst mit dem Film "Joker" und Joaquin Phoenix kehrt man zu dem Verweis zurück: Zu Beginn sehen wir ihn vor dem Spiegel sitzen und die Mundwinkel gewaltsam nach oben schieben – eine Geste, die auch in „The Man Who Laughs“ vorkommt, allerdings bei dem Hofnarren. Das "Lachen ohne zu Lachen", das "freudlose, zwanghafte Lachen" wurde zum charakterisierenden Prinzip in "Joker".

Können Sie uns einen Einblick in die Produktionsgeschichte von "The Man Who Laughs" geben?

Universal Pictures war motiviert vom großen Erfolg der Gothic Horror-inspirierten Melodramen "The Hunchback of Notre Dame" (1923) und "The Phantom of the Opera" (1925). Man suchte mit dem Produzenten Carl Laemmle eine Möglichkeit, daran anzuknüpfen. Victor Hugos Roman, der etwas weniger bekannte "L’Homme qui rit", lag nahe, da er beide Filmkonzepte zusammenbrachte: den tragischen, entstellten Helden, die traurige Liebesgeschichte und die historischen Tumulte. Mit dem damals unerhörten Budget von einer Millionen Dollar produzierte man den historischen Film, der in aufwändigen Bauten gedreht wurde, welche teilweise aus "The Hunchback of Notre Dame" wieder verwendet wurden.

Man wollte wie bei den anderen Filmen Lon Chaney für die Titelrolle, doch der war bereits einem neuen Studio, MGM, verpflichtet. Der deutsche Produzent Laemmle rekrutierte als Regisseur Paul Leni, dessen Film "Das Wachsfigurenkabinett" (1924) er schätzte. Leni baute oft auf Gothic-Atmosphäre, so auch in "The Cat and the Canary" (1927). Und da Chaney ausfiel, besann sich Laemmle auf den deutschen Schauspieler Conard Veidt, der nach Hollywood strebte. Veidt fügte sich der Qual einer täglichen Maske und schuf eine ikonische Darstellung. Der Film wurde eher limitiert in Großstädten gestartet, erst in den USA, dann weltweit. Er verzeichnete zunächst eine mittelmäßige Rezeption und wurde erst bei seiner Wiederentdeckung Ende der 1960er Jahre positiver wahrgenommen. Als er 2003 endlich restauriert auf DVD erschien, galt er endgültig als ein vergessener Klassiker.

Was weiß man über die deutsche verschollene Fassung des Films, über dessen Erfolg an den hiesigen Kinokassen und was lässt sich über die Rekonstruktion von Wicked Vision sagen?

"The Man Who Laughs" erlebte seine deutsche Erstaufführung am 02. März 1929 in Berlin, im Tauentzien-Palast. Die deutsche Version gilt als verschollen, woraus ich schließen würde, dass er in Deutschland keine allzu breite Auswertung erfahren hatte. Interessanterweise wird er aufgrund des deutschen Teams Laemmle, Leni und Veidt oft als Klassiker des deutschen Schauerfilms betrachtet, und tatsächlich würde er sich gut in Lotte H. Eisners Konzept einer "Dämonischen Leinwand" bis 1930 fügen.

Für die neue Abtastung mussten alle deutschen Schrifttafeln neu erschaffen werden – natürlich im Stil des Originals. Wenn wir "The Man Who laughs" nun als "deutsche Version" neu entdecken können, ist das alleine den Bemühungen des Labels Wicked Vision zu verdanken, deren Version visuell auf der Restauration von Kino Lorber und der Cineteca di Bologna aufbaut und die finale 4-Abtastung nutzen konnte. Zusammen mit Laurent Ohmansiek habe ich eine halbstündige Doku als Bonusmaterial gedreht, die auf Stil und Einfluss des Films sowie die Restauration ausführlicher eingeht.

Sie beschäftigen sich nicht nur theoretisch mit dem Filmerbe, sondern sind auch als Musiker dem frühen Film ganz konkret verbunden. Wie entwickeln Sie die Soundtracks für Ihre Projekte?

Ich habe mit meinem Dark-Ambient-Projekt "Vortex" bereits einige Soundtracks komponiert, unter anderem für den deutschen Mysterythriller "Dark Circus" von Julia Ostertag. Da wir für Liveauftritte vor allem in Kinos gute Erfahrung gemacht haben, wählten wir uns für ein weiteres Projekt den frühen Tonfilm "Vampyr" als Basis aus und entwickelten einen spezifischen Post-Rock-Ambient-Sound, den wir live zu zweit präsentieren können. Als Grundlage habe ich einen ambienten Wall-to-Wall-Sound für den ganzen Film gemischt, der auch live als Background dient, und dazu spielen wir live Gitarre und Drums, mit einigen Stimmeffekten und anderen Soundeffekten. Es geht also um einen dezidiert nicht-klassischen Zugang, sondern eine radikale Modernisierung des Filmerlebens. Die Livepremiere war übrigens im renommierten Wiesbadener Kino der Murnau-Stiftung. Aber wir haben es auch schon in der Traumathek Köln oder bei den Saarbrückener Cinefonie-Tagen gespielt.  

Welches Stummfilm-Musikprojekt steht bei Ihnen als Nächstes an?

Zusammen mit dem franko-kanadischen Label Cyclic Law bereiten wir eine moderne Vertonung von Benjamin Christensens "Häxan – Witchcraft Through The Ages" vor, woraus sich Liveshows und eine Vinyl-LP entwickeln werden. Dabei gehen wir ähnlich wie bei "Vampyr" vor: Drone-Sounds, Ritual-Percussions, atmosphärische E-Gitarre und experimentelle Stimme. "Vampyr" kann man inzwischen als Liveaufnahme auf unserem Bandcamp (Vortexdrone) finden. Auch "Vamypr" werden wir weiterhin aufführen, wenn uns Kinos einladen, die den Film offiziell auf dem Programm haben.

Die Pandemie hat viele Filmerbeeinrichtungen dazu veranlasst, über neue Wege der Filmvermittlung und -präsentation nachzudenken. Nun wird in bislang nicht gekannter Weise Filmerbe aus den Archiven der Öffentlichkeit online zugänglich gemacht - wenn auch meist nur für kurz Zeit. Welche Erwartungen und Forderungen haben Sie als Filmwissenschaftler an die Zugänglichkeit von Filmerbe in der Zukunft?

Sie haben recht, es gibt aktuell einige positive Tendenzen, das Streaming zur Sichtbarmachung des Filmerbes zu nutzen. Hier wäre es allerdings notwendig, eine gewisse Kontinuität der Verfügbarkeit zu sichern. Filme, die mit EU-Budget restauriert wurden, sollten auch unentgeltlich und dauerhaft zur Verfügung stehen. Zudem ist es wichtig, den Restaurationsprozess zu dokumentieren und die wissenschaftliche Expertise dabei transparent zu machen – dann versteht die breite Öffentlichkeit auch mal, warum ein akademische Filmwissenschaft unbedingt nötig ist, wenn man Filmkunst als Kulturgut betrachtet. Hier sind also einige Potentiale noch nicht ausgereizt. Gerade die Archive sollten die Digitalisierungen weitläufig zugänglich machen, um eine filmhistorische Beschäftigung zu erleichtern.

In kommerziellen Streamingplattformen dagegen ist sehr auffällig, wie marginal der Stummfilm behandelt wird. Vor allem bei MUBI oder CRITERION findet man Stummfilmklassiker. MUBI bietet sie auch nur temporär. Für Netflix oder Amazon prime scheint das weitgehend uninteressant zu sein. Dabei denke ich, es ist auch eine Frage, wie man die Öffentlichkeit daran heranführt, ob Film in Schulen endlich gelehrt wird, wie man es aus Frankreich kennt. Selbst in den USA habe ich bei einem Highschool-Austausch Stummfilme sehen können. In Deutschland ist das Bewusstsein für das Filmerbe stark unterentwickelt. Aber der Ruf nach einer Medienkunde in Schulen verhallt ja seit zwei Jahrzehnten fast ungehört. Auch hier wären zahlreiche Berufsmöglichkeiten, die eine professionelle Aufarbeitung der Filmgeschichte mit einschließen könnten. Umso mehr sind die Ambitionen kleiner und privatwirtschaftlicher Filmlabels wie Wicked Vision zu würdigen, die mit eigenem Kapital und in Kooperation mit den Produktionsstudios sowie Filmwissenschaftler*innen Restaurationen angehen.

Wir danken Ihnen sehr für die spannenden Einblicke und wünschen weiterhin gutes Gelingen!
Das Interview führte Frank Hoyer
Bildnachweis: Sebastian Kiener

Linktipps
Prof. Dr. Marcus Stiglegger
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