anders als die andern edition filmmuseum 250Vor 5 Jahren, am 30. Juni 2017, beschloss der Deutsche Bundestag fraktionsübergreifend und mit deutlicher Mehrheit, die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare zu öffnen.

Vor etwas über 100 Jahren hätten es sich der österreichische Regisseur Richard Oswald und sein Berater, der deutsche Arzt und Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld, bei der gemeinsamen Produktion des Aufklärungsfilms Anders als die Andern (D 1919) nicht mal im Traum einfallen lassen, dass Schwule und Lesben einmal gleichberechtigt mit heterosexuellen Menschen Einlass in die Standesämter bekommen könnten. Ein drängenderes, oft existenzbedrohendes Problem stand zu jener Zeit im Vordergrund: die rechtliche Kriminalisierung von Homosexuellen aufgrund des Paragrafen 175.

"Anders als die Andern", das weltweit erste Kinowerk gegen die Diskriminierung von Schwulen, erzählt von einem Erpressungdelikt im Zusammenhang mit dem § 175. In Hauptrollen sind Conrad Veidt, Fritz Schulz und Reinhold Schünzel zu sehen, in einer Nebenrolle die legendäre Anita Berber. Magnus Hirschfeld persönlich mimte einen Experten und forderte die Abschaffung des Paragrafen. Die Veröffentlichung des umstrittenen, in den Medien kontrovers diskutierten Stummfilms war einer der Auslöser, die erst 18 Monate zuvor in der Weimarer Republik abgeschaffte Filmzensur wieder einzuführen.

Von der filmhistorisch bedeutenden Produktion ist nur noch ein Fragment erhalten. Dieses bildete die Grundlage für eine vom Filmmuseum München um 2000 durchgeführte, aufwändige Rekonstruktion des Films, die 2005 als DVD in der Edition Filmmuseum veröffentlicht wurde. Im Frühjahr 2022 wurde eine überarbeitete Neuauflage der DVD als erweiterte Doppel-DVD veröffentlicht. Neben dem durch aktuelle Funde ergänzten Aufklärungsfilm sind darauf nun auch "Gesetze der Liebe" (D 1927) und "Geschlecht in Fesseln" (D 1928) in neuen Restaurierungen zu finden.

Der im Film thematisierte § 175 wurde erst im Juni 1994, 75 Jahre nach der Veröffentlichung von "Anders als die Andern" abgeschafft. Und 105 Jahre später ist mit der Öffnung der Ehe für Schwule und Lesben nun auch eine der wirkungsmächtigsten rechtlichen Diskriminierungen von gleichgeschlechtlich Liebenden gefallen.

Der Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD) erklärte nach der Beschlussfassung von "Ehe für Alle": "Das ist ein historischer Tag! Nicht nur für Lesben und Schwule, sondern auch für eine gerechtere und demokratischere Gesellschaft. Ob man in Deutschland heiraten darf oder nicht entscheidet, zukünftig nicht mehr das Geschlecht, sondern Liebe, Zusammenhalt und das Versprechen, in guten wie in schlechten Zeiten füreinander da zu sein." Dieser Einschätzung hätte Magnus Hirschfeld, der 1935 nach seiner Flucht aus Nazideutschland im Exil in Frankreich starb, bestimmt mit großer Begeisterung beigepflichtet.

Literaturtipp: „Anders als die Andern. Ein Film und seine Geschichte" von James Steakley, Männerschwarm-Verlag, Hamburg 2007
Foto: Edition Filmmuseum

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