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arte logo 250Noch bis 13. Mai 2022 sind die Stummfilme "Ménilmontant" und "Faits divers" in der ARTE-Mediathek abrufbar.

Die zwei Schlüsselwerke des französischen Avantgardefilms erzählen ihre Geschichten rein visuell. Statt mit Zwischentitel arbeiten sie mit Bildtricks, virtuosen Montagen und innovativer Kameraführung. Die Filme sind in unterschiedlichen sozialen Milieus angesiedelt; zusammen ergeben sie ein authentisches Bild vom Paris der 1920er Jahre.

"Faits Divers" (Regie und Drehbuch: Claude Autant-Lara) entstand 1923 am Montparnasse, Künstlerviertel und Wiege der französischen Moderne. "Ménilmontant" (Regie und Drehbuch: Dimitri Kirsanoff) wurde 1924 im nördlichen Stadtviertel gedreht, wo viele Emigranten lebten; Kirsanoff war selbst ein Emigrant aus Estland. mehr

Über "Ménilmontant"

1920er Jahre, im armen Arbeiterviertel Ménilmontant im Nordosten der französischen Hauptstadt: Nach dem Mord an ihren Eltern kommen zwei inzwischen herangewachsene Schwestern nach Paris. Ihren kärglichen Lebensunterhalt verdienen sie sich durch Arbeit in einer Kunstblumen-Werkstatt.

Verhängnisvoll wird für beide, dass sie sich in den gleichen Mann verlieben. Die jüngere Schwester wird schwanger, doch der Kindsvater verlässt sie für ihre Schwester. Ihr Kind muss sie auf sich allein gestellt durchbringen. Zufällig erfährt sie, dass ihre ältere Schwester durch den gemeinsamen Geliebten zur Prostituierten wurde. Nachdem sich die Schwestern wiedergefunden und versöhnt haben, rächen sie sich an dem Verführer ...

Regisseur und Drehbuchautor Dimitri Kirsanoff gilt heute als einer der Pioniere des französischen poetischen Realismus des 20. Jahrhunderts, mit dem Regisseure wie Jean Vigo, René Clair und Jean Renoir ihre Geschichten von einfachen Menschen erzählten. „Ménilmontant“ ist eine der wegweisenden No-Budget-Produktionen, die in ihrer radikalen Bildsprache heute noch eine ungebrochene Kraft und Faszination entfalten.

Der Film wird in einer restaurierten Fassung von Lobster Films mit Musik des deutschen Komponisten Reinhard Febel gezeigt, der im Auftrag des WDR eine neue Filmmusik zu diesem Klassiker des internationalen Avantgardefilms geschrieben hat. „Ménilmontant“ ist Autorenkino pur. Dimitri Kirsanoff war für Produktion, Drehbuch, Regie und Schnitt zuständig, seine erste Frau Nadia Sibirskaia ist in der Hauptrolle der jüngeren Schwester zu sehen.

Über "Faits divers"

"Fait-divers" erzählt eine Amour-fou im Stil der Surrealisten: Zwei Männer konkurrieren um eine geheimnisvolle Frau und versetzen mit ihrer erotischen Obsession eine ganze Stadt förmlich in Bewegung. Paris, die Stadt der Liebe und der Libertinage, spielt mit und ist in den rotierenden Straßenansichten, Splitscreens und verrückten Kameraperspektiven ein Spiegel der in Aufruhr versetzten Gefühlswelt.

Mit Antonin Artaud als einem der beiden Liebhaber spielt eine Galionsfigur des Surrealismus mit, sein durchdringender Blick antizipiert den der "Nadja" in André Bretons gleichnamigem Roman, veröffentlicht fünf Jahre später. "Fait-divers" ist ein Pionierfilm des Surrealismus, woran auch Marcel L’Herbier als Produzent des Films seinen Anteil hat.

Der Film entstand 1923, ein Jahr vor Fernand Légers „Le ballet mécanique“ und René Clairs „Entr'acte“. „Mit seinem ersten Film scheint Autant-Lara auf Anhieb alle Möglichkeiten der Grammatik des Stummfilms auszuschöpfen; er verbindet Bildsprache und Rhythmus zu einer zwingenden metaphorischen Kalligraphie.“ (Freddy Buache, ehemaliger Direktor der Cinémathèque suisse, in „Travelling“, Nr. 55, Lausanne 1979). Der Film wird in einer aktuellen Restaurierung des CNC mit einer Musik des deutschen Komponisten Malte Giesen angeboten, eingespielt vom Ensemble Musikfabrik Köln.

Textquelle und Bild: Arte Presse