golem weimar 2020 1Der Golem ist besiegt und die letzten dramatischen Töne erklingen zu den sich schließenden Toren in windschiefen Stadtmauern.

Im ausverkauften Deutschen Nationaltheater Weimar brandet begeisterter Applaus auf: 100 Jahre nach ihrer Premiere im Oktober 1920 in Berlin macht die außergewöhnliche Originalmusik zu Paul Wegeners Stummfilm "Der Golem, wie er in die Welt kam" wieder von sich Reden.

Bis vor Kurzem galt die Komposition von Dr. Hans Landsberger, die wohl 1925 letztmalig in einem Kino zu hören war, als verschollen. Im Rahmen des Weimarer Kunstfestes und der Stummfilm-Retrospektive "Überreizung der Phantasie" wurde die rekonstruierte Fassung nun in einer Doppelpremiere am 03. September 2020 erstmals mit der ebenfalls frisch rekonstruierten Filmfassung gezeigt.

Schon zur Entstehungszeit war man sich des Erfolgspotenzials von Paul Wegeners Filmprojekt, einer Herzensangelegenheit des schon seinerzeit berühmten Film- und Theaterkünstlers, bewusst. So wurde nicht an beeindruckenden Kulissen und aufwändigen Kostümen gespart und zu allem Überfluss eine Riege an routinierten und beliebten Leinwandmimen verpflichtet. Auch die Filmmusik sollte ein Statement für die herausragenden künstlerischen Ambitionen der engagierten Produktion sein. Deshalb wurde extra eine Originalkomposition beauftragt. Üblich war das nicht im Kinogeschäft jener Tage, das Kompilieren von bewährten Charakterstücken von klassisch bis populär war der Standard.

"Der Golem - wie er in die Welt kam" wurde dann am 29. Oktober 1920 im Berliner Ufa-Palast am Zoo uraufgeführt, eroberte erfolgreich auch die Leinwände im Ausland und gehört heute zu den am meisten gezeigten und zitierten Stummfilmen: Das expressionistische Werk ist unstrittig ein Glanzstück des Weimarer Kinos.

In ihrer gemeinsamen Einführung im Nationaltheater gaben Stefan Drößler, Direktor des Münchner Filmmuseums, und Richard Siedhoff (unteres Foto links), Stummfilmmusiker und Rekonstrukteur der "Golem"-Musik, Einblicke in die Entstehungsgeschichte des Films und der Musik. So war das Kinostück ein Prequel von Wegeners "Der Golem" von 1915. Hatte Wegener aus Kostengründen seine erste Produktion noch in der Gegenwart spielen lassen, konnte er im Jahr 1920, als nach dem Ersten Weltkrieg die deutsche Filmindustrie auf internationalen Erfolgskurs ging, aus dem Vollen schöpfen und die Szenerie im 16. Jahrhundert spielen lassen. Die nun vom Filmmuseum München vorgelegte digitale Rekonstruktion bringt den Aufwand und die visuelle Kraft des Films wieder in brillianter Optik zum Vorschein. Zu den eindrücklichen Bildern schrieb Komponist Hans Landsberger eine punkgenaue, so opulent wie innovative Orchestermusik. Landsberger setzte damit Maßstäbe, die künftige Filmkomponisten mitgeprägt habe, so Siedhoff. Landsberger benutze für den Film die Leitmotivtechnik und brach sinfonische Strukturen auf, um den schnell wechselnden FIlmszenen gerecht zu werden. Die Musik musste umfangreich neu orchestriert werden, da der 2018 von Siedhoff wiederentdeckte Klavierauszug unvollständig war. Das vorhandene Material glich einem Fachwerkhaus, von dem nur das Holzgerüst zu sehen war. Siedhoff löste die musikalische Herausforderung mit Bravour, das "Klanggebäude" erstrahlt nun wieder in neuem Glanz.

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Zum erfolgreichen Seh- und Hörgenuss in Weimar trug auch wesentlich die virtuos aufspielende Staatskapelle Weimar unter der treffsicheren Leitung von Dirigent Burkhard Götze (unteres Foto rechts) bei. Sein Dirigat war von beeindruckender Synchronität. Der Klangkörper interagierte kongenial mit den Filmbildern und die zahlreichen akustisch-musikalischen Effekte harmonierten bildgenau – gerade bei einer anspruchsvollen Komposition wie der von Landsberger eine besondere Herausforderung. Film und Musik wirkten wie aus einem Guss. Die der Spätromantik verpflichtete Partitur war klangfarben- und abwechslungsreich und machte aus dem altbekannten Film einen anderen, den originalen "Golem"-Film. Ein die Augen und Ohren fesselndes Erlebnis bis zum Schluss.

Im Rahmen der aktuellen Rekonstruierungsarbeiten konnte übrigens auch Licht in den dramatischen Lebensweg von Hans Landsberger gebracht werden: Nachdem er sich im Ersten Weltkrieg 26 Monate in französischer Kriegsgefangenschaft befunden hatte, war er in den 1920er-Jahren als Manager bei den Filmproduktionsfirmen Ufa und Paramount tätig. Nach der Machtergreifung der Nazis floh er nach Spanien. Dort überraschte ihn der Bürgerkrieg, worauf er nach Südfrankreich übersiedelte und dort mit seiner zweiten Frau eine Pension leitete. 1941 wurde er in das Internierungslager Camp de Gurs deportiert und starb dort. Alle musikalischen Werke Landsbergers gelten als verschollen, außer seine jetzt wieder "auferstandene" Partitur für "Der Golem, wie er in die Welt kam".

Die Aufführung im Nationaltheater hat den vergessenen Komponisten nun wieder ins Rampenlicht gerückt und zudem für die weitere Aufführungspraxis von Wegeners Film einen neuen, beeindruckenden Standard gesetzt. Das perfekte Zusammenspiel von aufwändig, liebevoll und kompetent rekonstruiertem Film- und Musikmaterial war ein mustergültiges Beispiel, wie Stummfilme auch im 21. Jahrhundert zu einem faszinierenden Film- und Musikerlebnis werden und ein großes, begeistertes Publikum finden können. Chapeau!

Autor: Frank Hoyer
Fotos: Gerrit Heber

Ein ausführliches Interview mit dem Stummfilmmusiker Richard Siedhoff über seine Arbeit an der "Golem"-Musik findet man hier auf Stummfilm Magazin.

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