richard siedhoff 2 250Am 05. Juli 2020 wird im Lichthaus Kino Weimar der Lubitsch-Film Anna Boleyn (D 1920) mit einer live Musikbegleitung des Stummfilmmusikers Richard Siedhoff gezeigt.

Die Aufführung ist ein Vorbote für die im September 2020 anstehende Weimarer Stummfilmretrospektive "Überreizung der Phantasie". Stummfilm Magazin sprach mit dem Komponisten.

"Anna Boleyn" wurde vor hundert Jahren in Weimar uraufgeführt. Wie kam es dazu?

Die Gründe lassen sich schwer nachvollziehen. Tatsächlich waren Uraufführungen nicht nur den großen Städten vorbehalten. Aber bei einem Berliner Regisseur wie Ernst Lubitsch ist die Wahl Weimar schon ungewöhnlich – aber es belegen mehrer Quellen diesen Umstand. Sehr wahrscheinlich ist es, dass Weimar als kurzzeitiges politisches Zentrum für diesen – nicht ganz unpolitischen – Film einen willkommenen Start bot.

Zudem ist der Weimarer Hofphotograph Louis Held, der auch die Reform-Lichtspiele (Uraufführungsort von "Anna Boleyn", Anm. der Red.) leitete, für seinen Kino-Enthusiasmus bekannt gewesen. Er war stets darum bemüht, die großen, wichtigen Filme zu bekommen und machte selbst Wochenschau-Aufnahmen. 1926 wurde in dessem relativ kleinen Kino sogar Edmund Meisels Originalmusik zu "Panzerkreuzer Potemkin" (UdSSR 1925) "mit einem bedeutend verstärktem Orchester" aufgeführt. Ob Lubitsch zur "Anna Boleyn" aber persönlich anwesend war, dafür ließ sich noch kein Beleg finden – ist aber nicht unbedingt unwahrscheinich.

Welches musikalisches Konzept verfolgen Sie bei der Vertonung von "Anna Boleyn"?

Als Historiendrama ist dieser Film natürlich auch musikalisch entsprechend zu färben. Da es aber ein Film mit Lubitsch-Touch ist, der hier schon deutlich durchschimmert, werde ich natürlich auch dementsprechende Akzente setzen. Man kann gewisse Momente im Film ironisch dramatisieren oder dramatisch ironisieren. Dabei muss genau darauf geachtet werden, wo Lubitsch hin will, ohne dem Publikum musikalisch zu verraten, welche Pointen zu erwarten sind. Eine musikalische Gratwanderung also. Wichtig ist am Ende aber, die emotionalen Spannungsbögen zu halten und das Publikum musikalisch in den Film hineinzuziehen – natürlich, ohne plakativ zu werden.

Auf welche Highlights können sich die Gäste der Stummfilmretrospektive "Überreizung der Phantasie" freuen?

Die Filmschau findet vom 02. bis 10. September im Weimarer Lichthaus Kino statt, mit einer Ausnahme: Unser absolutes Highlight findet im Großen Haus des Nationaltheaters Weimar statt und ist natürlich die Welturaufführung der rekonstruierten Originalmusik des jüdischen Komponisten Dr. Hans Landsberger zu Wegeners berühmten "Golem"-Film von 1920. Spielen wird die Staatskapelle Weimar, natürlich derzeit nur in kleiner Besetzung, in der Größe einer klassischen Kino-Kapelle von knapp zwanzig Musikern. Burkhard Götze vom Metropolis Orchester Berlin wird dirigieren.

Weitere Highlights sind die restaurierte Fassung von "Cabiria" (Italien 1913) oder einge sehr selten gezeigte Filme wie "Die Bodega von Los Cuerros" (D 1919) von Erik Lund oder "Alkohol" (D 1919) von E. A. Dupont und Alfred Lind. Musikalische Gäste sind dieses Jahr Günter Buchwald, John Sweeney, die Wanderkino-Legende Tobias Rank und als elektroakustisches Vergnügen: Matthias Hirth mit "Das Himmelsschiff" (Dänemark 1918).

Wie sind Sie bislang durch die Corona-Krise gekommen?

Ich konnte die "freie Zeit" ausgiebig nutzen, um an meiner Rekonstruktion der zwei "Golem"-Partituren zu arbeiten: zunächst für großes Orchester und nun für kleines Orchester. Beide Versionen werden im Laufe der nächsten Monate bei dem Musikverlag Ries & Erler erscheinen. Ansonsten geht es langsam wieder los mit Auftritten, zumeist unter freiem Himmel – auch schön :-)

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für "Anna Boleyn" und Ihre weitere Arbeit.
Richard Siedhoff im Internet unter www.richard-siedhoff.de
Foto: privat

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