Drucken

100 jahre stummfilm klassiker logo 250Am 09. März 2020 wurde das Lustspiel "Kohlhiesels Töchter" uraufgeführt.

Schon vor der Verfilmung mit der unverwüstlich-charmanten Lieselotte Pulver, der Hauptdarstellerin der heute wohl bekanntesten Version aus dem Jahr 1962, war die Geschichte von Dorfwirt Kohlhiesels ungleichen Töchtern gut für volle Kinos.

Bereits 1920 drehte Ernst Lubitsch die erste Version, ein damaliger Blockbuster. In der Doppelrolle der titelgebenden Schwestern war Henny Porten zu sehen, schon damals eine Kinoinstitution. An ihrer Seite spielten Emil Jannings, Gustav von Wangenheim, Jakob Tiedtke und Willy Prager.

Autor Arndt Pawelczik stellt für die Stummfilm Magazin-Initiative 100 Jahre Stummfilm-Klassiker der Weimarer Republik "Kohlhiesels Töchter" vor.

Kohlhiesels Töchter

filmspule bunt 250 1

Henny Porten mal Zwei

"Kohlhiesels Töchter" (D 1920) war nicht nur Ernst Lubitschs erfolgreichster Film in Deutschland, es war einer der größten Kinoerfolge der Weimarer Republik überhaupt, wurde mehrfach wiederaufgeführt und nicht weniger als dreimal als Tonfilm neu verfilmt.

Der Stoff stammt aus der Feder von Lubitsch und dem ihm eng verbundenen Drehbuchautor Hanns Kräly, ist aber eindeutig der Shakespeare-Komödie „Der Widerspenstigen Zähmung“ entliehen und angereichert mit Motiven aus den Dorfgeschichten des ostjüdischen Schriftstellers Sholem Aleichem. Nur dass das Shtetl hier in Oberbayern liegt.

Der Dorfwirt Kohlhiesel (Jakob Tiedtke) hat zwei Töchter. Die schöne – Gretel (Henny Porten) – lockt ihm mit ihren Reizen die Dorfburschen an den Thresen, die häßliche – Liesel (Henny Porten) – schmeißt ihm die ärgsten Saufbolde aus dem Laden. Der stramme Xaver (Emil Jannings) und sein feinfühliger Freund Sepp (Gustav von Wangenheim) sind beide in Gretel verliebt. Aber der alte Kohlhiesel will Gretel erst heiraten lassen, wenn Liesel unter der Haube ist. Listig rät Sepp seinem Spezi Xaver, die Liesel doch selbst zu ehelichen und sich dann so schlecht zu benehmen, dass sie sich schleunigst wieder scheiden lässt. Dann könne er Gretel heiraten.

Xaver befolgt den Rat und heiratet Liesel, auch wenn sie ihn malträtiert und ihm noch Schlimmeres androht. Statt trauter Zweisamkeit macht er ihr dann aber eine unglaubliche Szene, tobt und zertrümmert die gesamte Einrichtung, dass sich Liesel unter dem Sofa verkriecht. Mit dieser testosterongeladenen Demonstration hat Xaver Liesels Herz gewonnen. Fortan folgt sie ihm brav wie ein Hündchen, er aber ignoriert sie. Da gibt ihr Sepp den Tipp, sie solle sich doch nach Art ihrer Schwester herausputzen. Gesagt, getan, und nun liebt auf einmal auch Xaver seine Liesel, so dass der Weg für Sepp und Gretel frei ist.

Zunächst einmal haben wir es bei "Kohlhiesels Töchter" mit einem Henny Porten Vehikel zu tun, daran lässt schon die Doppelrolle keinen Zweifel. Nach ihrem ersten Auftritt im Jahre 1906 als lebende Nippesfigur in dem Messter-Tonbild "Meissner Porzellan" wurde Henny Porten bald zur populärsten Filmschauspielerin Deutschlands und blieb es bis in die Dreißiger Jahre hinein. Hauptsächlich in dramatischen Rollen eingesetzt, gern als leidende Unschuld, beherrschte sie genauso das komische Fach. Selten darf sie das so ausgelassen und effektiv zum Ausdruck bringen wie hier.

Dabei ist die Rolle der Gretel allen Zuschauern vertraut: So agiert Henny Porten in vielen Filmen. Als Liesel kann sie aber eine ganz andere Seite zeigen: körperlich, ungeschminkt und ganz das Gegenteil von süß. Man merkt ihr an wieviel Spaß ihr diese Rolle macht – und weil dieser Funke überspringt, ist Liesel trotz des fehlenden Makeups die weitaus attraktivere der zwei Schwestern. Sie macht zu einem guten Teil den Reiz des Films aus und so ist dessen Erfolg zu eben diesem guten Teil der Komödiantin Henny Porten zu verdanken.

Nun sind da aber auch noch der Regisseur Ernst Lubitsch und sein Autor Kräly. Wie so oft setzen beide auf Überzeichnung. Nahezu alle Charaktere im Film benehmen sich wie Kleinkinder, balgen sich und heulen beim kleinsten Anlass. Das erzielt seine Wirkung aber nur, weil der Film enorm temporeich ist und sich auf das Wesentliche beschränkt. Hier reiht sich Gag an Gag, und auch wenn vieles albern oder vorhersehbar ist, so hat das Publikum doch kaum Zeit zum Atemholen, geschweige denn zur Filmkritik.

Autor: Arndt Pawelczik

Credits
Titel: Kohlhiesels Töchter
Regie: Ernst Lubitsch
Drehbuch: Hanns Kräly, Ernst Lubitsch
Kamera: Theodor Sparkuhl
Bauten: Jack Winter
Darsteller: Henny Porten, Emil Jannings, Gustav von Wangenheim, Jakob Tiedtke, Willy Prager
Produktionsfirma: Messter-Film GmbH Berlin im Auftrag der Universum-Film AG Berlin (Ufa)
Uraufführung: 09.03.1920 im Ufa-Palast am Zoo

Weitere Informationen zum Film
Wikipedia 
Filmportal 
IMDB