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100 jahre stummfilm klassiker logo 250Am 27. Februar 2020 wurde Richard Oswalds "Der Reigen" uraufgeführt.

Der mit Asta Nielsen, Conrad Veidt, Theodor Loos und Eduard von Winterstein prominent besetzte Film ist ein Starvehikel für die dänische Diva, die hier alle Register ihres ohnehin außergewöhnlichen darstellerischen Könnens zieht.

Mit seinem kolportagehaften Charakter ist "Der Reigen" aber auch ein echter Richard Oswald-Streifen: Mit provokanten Werken über Geschlechtskrankheiten, Homosexualität und Schwangerschaftsabbruch war der Regisseur und Produzent Oswald nach dem Ersten Weltkrieg ein Pionier des sogenannten Aufklärungs- bzw. Sittenfilms. Ab 1925 beteiligte er sich an der Nero-Film AG, die unter anderem Georg Wilhelm Pabsts Die Büchse der Pandora (1929) veröffentlichte: Wie in "Der Reigen" wird auch hier die Protagonistin zum Spielball männlichen Begehrens und gesellschaftlicher Zwänge.

Autor Arndt Pawelczik stellt für die Stummfilm Magazin-Initiative 100 Jahre Stummfilm-Klassiker der Weimarer Republik den "Reigen" vor.

Der Reigen

Momente echten Empfindens

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Titel und Jahr lassen aufhorchen, führen aber auf die falsche Fährte. Hier handelt es sich nicht um eine Verfilmung von Arthur Schnitzlers Skandalstück, das im Dezember 1920 in Berlin uraufgeführt wurde. Die Premiere unseres Reigens fand bereits zehn Monate zuvor, im Februar des gleichen Jahres statt. Thematisch gibt es aber durchaus Ähnlichkeiten.

Elena (Asta Nielsen), ein Mädchen aus bürgerlichem Hause, erweckt in Männern übermächtige Begierde. Erst will ihr Klavierlehrer (Willy Schaeffers) sie verführen, dann übernimmt dessen Bruder Peter Karvan (Conrad Veidt) – wesentlich erfolgreicher – diese Aufgabe. Karvan spielt Klavier in einem Tingeltangel. Nachdem Helenas Versuche als Sängerin in diesem Etablissement nicht erfolgreich sind, schickt Karvan sie für sich auf die Straße.

Um diesem Leben zu entfliehen antwortet Helena auf eine Kleinanzeige und findet Arbeit und Wohnung als Gouvernante der kleinen Tochter von Albert Peters (Eduard von Winterstein) und seiner moribunden Frau (Irmgard Bern). Wie zu erwarten verliebt sich Peters sofort in Helena, sie widersetzt sich seinen Avancen aber standhaft. Als er sich ihr schließlich mit Gewalt nähern will, kommt seine Frau hinzu und fällt sofort tot um. Helena entschließt sich des Kindes wegen Peters zu heiraten.

Nun könnte alles gut sein, aber Peters Bruder Fritz (Theodor Loos) kommt von einer Reise zurück und entbrennt sofort in heißer Liebe zu Helena. Außerdem hat Karvan Wind vom plötzlichen Reichtum seiner ehemaligen Sklavin bekommen und beginnt sie zu erpressen. Er lässt Albert Peters einen Brief zukommen, den dessen Bruder Helena geschrieben hat. Daraufhin bringt sich Peters vor Helenas Augen um. Helena geht in den Tingeltangel und erschießt Karvan auf offener Bühne.

Die Inhaltswiedergabe lässt keinen Zweifel: Hier handelt es sich im Grunde um pure Kolportage, um einen verfilmten "Dienstbotenroman". Solche Stoffe waren im internationalen Stummfilm äußerst beliebt, italienische Filmschaffende haben mit ihren sogenannten "Divenfilmen" sogar ein eigenes Genre geprägt. Stolze, aufrechte Frauen werden vom Leben gebrochen und wir dürfen über fünf bis sieben Akte an ihrem Leiden teilhaben. "Der Reigen" sticht aus der Masse dieser Filme deutlich heraus.

Der Grund dafür ist die Hauptdarstellerin Asta Nielsen, der es auf wundersame Weise gelingt, der unglaubhaften und abgedroschenen Geschichte Momente echten Empfindens abzuringen.

Asta Nielsen war der erste große weibliche Star des europäischen Kinos. Nach ihrem Welterfolg mit "Abgründe" von 1911, noch in ihrem heimischen Dänemark von ihrem Ehemann Urban Gad gedreht, wurde sie bald von der deutschen Filmindustrie angeworben, der sie bis in die Tonfilmzeit treu blieb. Sie war universell beliebt bei Publikum und Kritik. Bela Balazs schrieb 1922 über sie: „Senkt die Fahnen vor ihr, denn sie ist unvergleichlich und unerreicht.“

In "Der Reigen" hat Asta Nielsen Gelegenheit zu zeigen, worin ihre besondere Qualitäten begründet sind. Ihre Ausstrahlung und Präsenz lassen uns die Prämisse, dass ihr jeder Mann sofort verfallen muss, tatsächlich einigermaßen glaubwürdig erscheinen. Aus diesem Grund besetzte Leopold Jessner sie auch zwei Jahre später in der Rolle der Lulu in Wedekinds "Erdgeist". Vor allem ist die Nielsen aber eine furchtlose Schauspielerin, die sich mit vollem Einsatz in ihre Rollen stürzt. In der letzten Szene dürfen wir in ihre Augen schauen, wenn sie auf Karvan schießt. Und es wirkt – nicht nur in diesem Moment – als habe sich eine Frau aus unserer Zeit in dieses verstaubte Melodram verirrt, die selbstbewusste Protagonistin nicht nur des Films, sondern ihres eigenen Lebens.

Wie so oft ähnelt der deutsche Stummfilm auch in "Der Reigen" einem Provinztheater, in dem bei jeder Aufführung die gleichen Schauspieler auf der Bühne stehen. Mit Conrad Veidt, Theodor Loos und Eduard von Winterstein spielen gleich drei dieser alten Bekannten mit, und auch Loni Nest, das deutsche Stummfilmkind der Zwanziger, darf natürlich nicht fehlen.

Hat Arthur Schnitzler diesen Film gesehen? Warum nicht? Hat er sich davon zu seinem Theaterstück gleichen Namens inspirieren lassen? Vielleicht vom Titel.

Autor: Arndt Pawelczik

Credits
Titel: Der Reigen
Regie: Richard Oswald
Drehbuch: Richard Oswald
Kamera: Carl Hoffmann, Axel Graatkjær
Bauten: Hans Dreier
Darsteller: Asta Nielsen, Conrad Veidt, Theodor Loos, Eduard von Winterstein, Irmgard Bern, Ilse von Tasso, Willy Schaeffers, Loni Nest
Produzent: Richard Oswald
Uraufführung: 27.02.1920 in Berlin

Weitere Informationen zum Film
Wikipedia 
Filmportal 
IMDB