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filmstreifen gelb 01 250Nicht selten in der Filmgeschichte wurden ältere Filme für spätere Neuauflagen und Wiederaufführungen nachbearbeitet.

Dabei wurden sie an die unterschiedlichen Markt- oder Kulturauffassungen bzw. Ideologien der jeweiligen Zeit angepasst. Heutige Restaurierungen hingegen versuchen die Annäherung an den Originalzustand der Filme. Damit geht eine Entwertung der älteren, nicht originalgetreuen Bearbeitungen einher, obwohl diese durchaus von (film)historischer Relevanz sind. Meist sind es nur die aktuellsten Restaurierungen, die in Festival- und Kinoprogrammen, DVD-Editionen oder VOD-Angeboten zu sehen sind, während die älteren Bearbeitungen – sofern sie überhaupt noch existieren – in Archiven vergessen werden.

Der Masterstudiengang Filmkulturerbe der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF und das Filmmuseum Potsdam bringen vom 09. bis 24. Januar 2020 gemeinsam eine Auswahl deutscher Stummfilmklassiker in ungewöhnlichen Fassungen zurück auf die große Leinwand. Ihre nachträglichen Vertonungen und Bearbeitungen belegen, wie in wechselnden kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen mit alten Filmen umgegangen wurde und wie sich ihre Rezeption von der Weimarer Republik, über die NS-Zeit und das geteilte Deutschland bis heute verändert hat. Die Vorführungen werden von Vorfilmen und Einführungen durch renommierte Filmhistoriker*innen und -wissenschaftler*innen begleitet.

Programmübersicht

09.Januar 2020, 19.30 Uhr
Die zwölfte Stunde (Nosferatu. Eine Symphonie des Grauens)
R: Friedrich Wilhelm Murnau, Bearbeitung: Waldemar Roger, D: Max Schreck, Gustav von Wangenheim, Greta Schröder, D 1933 (1930), 68‘
Kundberg, der Sekretär eines Maklers, wird nach Transsylvanien gesandt, um mit dem Grafen Wolkoff über einen Hauskauf zu verhandeln. Der Schlossherr erweist sich als »Vampyr« und macht sich in unheilvoller Absicht auf den Weg in Kundbergs Heimat und zu dessen junger Gattin Margitta. Zu Beginn der Tonfilm-Ära entstand – ohne Beteiligung des Regisseurs – diese Bearbeitung von Murnaus früher Dracula-Verfilmung. Die stummen Bilder des Originals wurden stellenweise ummontiert, um neugedrehtes Material ergänzt und waren zudem mit einer begleitenden Tonspur auf separaten Schellackplatten im sogenannten Nadeltonverfahren ausgestattet. Eine Filmkopie hat die Zeit überdauert, die begleitenden Tonplatten leider nicht. Einführung: Anna Bohn (Zentral- und Landesbibliothek Berlin). Live-Musik am Klavier: Richard Siedhoff

11. Januar 2020, 19 Uhr (Teil 1), 21.30 Uhr (Teil 2)
Dr. Mabuse, der Spieler
R: Fritz Lang, Bearbeitung: Erwin Leiser, Musik: Konrad Elfers, D: Rudolf Klein-Rogge, Bernhard Goetzke, Paul Richter, BRD 1964 (1922), 102‘+ 93‘
Hinter der bürgerlichen Maske des Arztes und Psychoanalytikers Dr. Mabuse verbirgt sich ein kriminelles Doppelleben: Im Geheimen agiert er als skrupelloser Kopf einer Verbrecherbande, der seine Gegner durch Hypnose manipuliert. Fritz Lang autorisierte diese Bearbeitung seines Kriminalfilm-Meisterwerks, die als Teil eines vom Journalisten und Dokumentarfilmer Erwin Leiser kuratierten Programms deutscher Stummfilme mit neuer Musik in die Kinos kam. Die verantwortliche Verleihfirma Atlas-Film prägte mit ihren Neueditionen deutscher und internationaler Klassiker die Filmbildung mehrerer Generationen. Vorfilm: Fritz Lang ›Mabuse‹ 1964 (R: Erwin Leiser, BRD 1964, 4'). Einführung: Chris Wahl (Filmuniversität Babelsberg)

17. Januar 2020, 19.30 Uhr
Die weiße Hölle vom Piz Palü
R: Arnold Fanck, Georg Wilhelm Pabst, Musik: Giuseppe Becce, D: Leni Riefenstahl, Gustav Diessl, Ernst Petersen, D 1935 (1929), 91‘
Hans und Maria, ein junges Paar, trifft in den Alpen auf den einsamen Bergsteiger Krafft, der zehn Jahre zuvor durch einen Absturz seine Frau verloren hat. Krafft bricht allein zu einer riskanten Tour zum Gipfel des Piz Palü auf. Maria, die sich zu Krafft hingezogen fühlt, und Hans schließen sich der schicksalsvollen Besteigung an. Bis zur Wiederentdeckung und Restaurierung der stummen Originalfassung 1997 blieb diese gekürzte, »entjudifizierte« Tonfilmbearbeitung die einzig bekannte Fassung dieses Meilensteins des Bergfilms, dessen kraftvolle Naturaufnahmen bis heute überwältigen. Einführung: Ursula von Keitz (Filmmuseum Potsdam)

18. Januar 2020, 19.30 Uhr
Siegfrieds Tod (Die Nibelungen. Teil 1: Siegfried)
R: Fritz Lang, Bearbeitung: Franz B. Biermann, Musik: Gottfried Huppertz. D: Paul Richter, Margarethe Schön, Hans Adalbert Schlettow, D 1933 (1924), 82‘ Aufstieg und Fall eines Helden: Siegfried ist siegreich im Kampf gegen den Drachen, erbeutet den Nibelungenschatz und unterwirft zwölf Könige. Kriemhild befreit er und bezwingt Brunhild. Doch die Rivalität zwischen den beiden Frauen wird ihm letztlich zum Verhängnis. Für die im jungen Nazideutschland erschienene Tonfassung vom ersten Teil des von Hitler geschätzten Nibelungen-Films überarbeitete Komponist Gottfried Huppertz seine Originalmusik zur Uraufführung im Ufa-Palast am Zoo 1924. Dabei griff er auf Wagner-Motive zurück. Diese seltene Fassung von Fritz Langs Filmepos wurde speziell für unsere Aufführung von der Filmuniversität Babelsberg in Kooperation mit der Friedrich-Wilhelm-Murnaus-Stiftung digitalisiert. Vorfilm: Das Erbe der Nibelungen (R: Guido Altendorf, Anke Wilkening, D 2010, Dok., Ausschnitt, 10'). Einführung: Guido Altendorf (Filmmuseum Potsdam)

23. Januar 2020, 19.30 Uhr
Das Cabinet des Dr. Caligari DDR 1978 (1920)
R: Robert Wiene, Musik: Karl-Ernst Sasse, D: Werner Krauß, Conrad Veidt, Lil Dagover, 58‘ Mit der Ankunft des unheimlichen Hypnotiseurs Dr. Caligari und seines schlafwandelnden Mediums auf einem Jahrmarkt beginnt eine rätselhafte Mordserie, die die Bewohner einer norddeutschen Kleinstadt in Angst und Schrecken versetzt. Der Film gilt mit seiner expressionistischen Ausstattung heute noch als ästhetische Ausnahmeerscheinung. Das Fernsehen der DDR ließ auf Grundlage des im Staatlichen Filmarchiv überlieferten Bestands in den 1970er Jahren eine Anzahl von Stummfilmklassikern mit einer von Karl-Ernst Sasse neu komponierten Orchestermusik ausstatten. Der Nachlass des 2006 in Babelsberg verstorbenen DEFA-Komponisten Karl-Ernst Sasse wird heute im Filmmuseum Potsdam aufbewahrt. Vorfilm: DEFA-Heimfilm Nr. 507: Nosferatu (Musik: Lucía Martínez, 28'). Einführung: Olaf Brill (Filmhistoriker)

24. Januar 2020, 19.30 Uhr
Giorgio Moroder presents Metropolis
R: Fritz Lang, Bearbeitung & Musik: Giorgio Moroder, D: Brigitte Helm, Alfred Abel, Gustav Fröhlich, USA 1984 (1927), 83‘ Hoch über der Stadt Metropolis herrscht der Großindustrielle Joh Fredersen, während unter der Erde Arbeiter*innen für ihn schuften. Fredersens Sohn verliebt sich in die Arbeiterführerin Maria. Gleichzeitig erschafft der Erfinder Rotwang einen stählernen Roboter, dem er das Aussehen Marias gibt, um Chaos in der Stadt auszulösen. Zu ihrer Zeit wurde diese »Rekonstruktion« von Fritz Langs bahnbrechendem Sci-Fi-Film durch den Musikproduzenten Giorgio Moroder in Fachkreisen scharf kritisiert. Moroders Bearbeitung und sein Pop-Soundtrack verhalf dem Film jedoch zu einem neuen Publikum und leistete den wohl wichtigsten Beitrag zu seiner Ikonisierung in der Gegenwart. Mit Überraschungsvorfilm und anschließendem Empfang mit DJ. Einführung: Anke Wilkening (Filmwissenschaftlerin)

Bei freiem Eintritt finden außerdem flankierende Gastvorträge statt:

9. Januar 2020, 15:00 Uhr
Wie der Film zur Musik kam
Richard Siedhoff (Weimar) über die Geschichte und Praxis der Stummfilmvertonung
Ort: Brandenburgisches Zentrum für Medienwissenschaften (ZeM), Hermann-Elflein-Str. 18, 14467 Potsdam.
Anmeldung erforderlich.

16. Januar 2020, 15:00 Uhr
Reading between the (frame)lines
Céline Ruivo (Paris) über die Beziehung zwischen Filmarchivierung und Filmgeschichtsschreibung
Ort: Filmmuseum Potsdam

23. Januar 2020, 15:00 Uhr
Die Geheimnisse des Dr. Caligari
Olaf Brill (Bremen) über Legenden und Fakten in der Stummfilmgeschichte
Ort: ZeM

Die Film- und Veranstaltungsreihe findet in Zusammenarbeit mit dem Masterstudiengang Filmkulturerbe der Filmuniversität Babelsberg statt und wird unterstützt vom Brandenburgischen Zentrum für Medienwissenschaften (ZeM). Das FIlmmuseum Postdam bedankt sich bei den deutschen Filmerbeeinrichtungen, ohne deren Bemühungen das Programm nicht realisierbar wäre: dem Bundesarchiv, der Deutschen Kinemathek, dem DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum und der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung.

Kartenreservierung: 0331-2718112, ticket (at) filmmuseum-potsdam.de

Textquelle: Pressemitteilung Filmmuseum Potsdam; Foto: Stummfilm Magazin/Frank Hoyer