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tv geraet 250Am Montag, den 26. August 2019, ist auf ARTE um 00:00 Uhr Richard Oswalds rasante Komödie "Eine tolle Nacht" (D 1927) zu sehen.

Der Film entstand nach einem alten Berliner Theaterstück aus den 1890er Jahren von Wilhelm Mannstaedt und Julius Freund, einer Art Berlin-Revue, die in fünf Akten das Berliner Nachtleben schildert.

Mit seiner großartigen Besetzung und frivolem Wortwitz ist „Eine tolle Nacht“ ein typischer Film von Richard Oswald, der als Regisseur, Filmproduzent und Inhaber einer eigenen Kinokette eine der schillerndsten Figuren des Weimarer Kinos war. Eine Wiederentdeckung, die mitten in die Berliner Unterhaltungskultur der 1920er Jahre führt, zu der die große Varietébühne Scala gehörte.

Die Uraufführung der restaurierten Fassung war bei den UFA-Filmnächten am 21.08.2019 in Berlin. Die neue Musik stammt von Frido ter Beek und Maud Nelissen, eingespielt von dem Jazz-Ensemble "The Sprockets". Vom 26.08.2019 bis 24.09.2019 ist der Film auch video-on-demand abrufbar. Trailer und mehr

Der Film

filmstreifen 02 250"Eine tolle Nacht" ist eine rasante Komödie um einen Geschäftsmann aus der Provinz, Florian Pieper (Harry Bender), der im Berliner Nachtclub ‚Scala‘ zu einem Show-Ringkampf antreten soll. Dazu hat ihn sein Sportclub aus Essig-an-der-Gurk bestimmt. Bis es zum Sieg über den starken Gegner auf der Bühne kommt, hat der gewiefte Herr Pieper einiges zu erledigen, denn sein eigentliches Interesse gilt der attraktiven Varieté Tänzerin Margot (Ossi Oswalda), die mit dem chronisch eifersüchtigen Artisten Edouardo Bonaventura (Harry Liedtke) verlobt ist und die ebenfalls in der ‚Scala‘ auftritt. Auch Florians Frau hat sich heimlich auf den Weg nach Berlin gemacht, um ihren Bruder zu besuchen – dabei handelt es sich ausgerechnet um Eduardo! Wie zu erwarten, entstehen aus dieser Konstellation die verrücktesten Verwicklungen, die den guten Florian zum Schluss auf die Polizeiwache bringen, wo er auf Wachmeister Lehmkuhl (Kurt Gerron) trifft, der gerade Vaterfreuden entgegen sieht. Florian wird aus der Haft entlassen, nachdem Lehmkuhl Vater von Vierlingen geworden ist. Als der Club in den frühen Morgenstunden schließt, sind alle Paare wieder glücklich vereint – nach einer tollen Nacht in der ‚Scala‘.

Berlin. Berlin.

filmstreifen 01 250Der Film entstand nach dem gleichnamigen Bühnenstück von Wilhelm Mannstädt und Julius Freund, das 1895 eigens für das Central-Theater in Berlin geschrieben wurde. Ein klassischer Lustspiel-Stoff, dessen heimlicher Star Berlin selbst ist. Der Direktor des Central-Theaters, Richard Schultz, erkannte die Attraktivität von Berlin als Theatermaterial und machte die Stadt zum zentralen Motiv einer Reihe von Stücken, die eigens für sein Theater geschrieben wurden. "Eine tolle Nacht" wurde dabei zum erfolgreichsten Stück der Reihe.

Wie im Theaterstück spielen auch im Film Berliner Schauplätze eine zentrale Rolle. Der Film ist dem Theaterstück insofern überlegen, als die Sehenswürdigkeiten und Straßen direkt zu sehen sind, während sie im Theaterstück nur erwähnt werden. Zudem ist die Vorgeschichte der Handlung im fiktiven Ort Essig-an-der-Gurke im Film inszeniert, im Theaterstück erfährt das Publikum nur durch Dialoge, was Florian und Therese Pieper sowie Nelly Lindemann nach Berlin trieb. Die Schauplätze der Theaterversion wurden nahezu unverändert übernommen: Die Straßen von Berlin, der Zirkus, der in der Verfilmung kurzerhand zum Varieté wird, ein Restaurant mit kleinen, intimen Séparées und das Polizeirevier, in dem Pieper einen beträchtlichen Teil der ‚tollen Nacht‘ verbringt.

Bereits im Jahre 1914 wurde das Stück erstmals unter der Regie von Leo L. Lewin verfilmt. Auch in dieser Verfilmung spielte der Schauspieler Henry Bender die Rolle des Insektenpulverfabrikanten Florian Pieper. Richard Oswalds Adaption passierte am 23. Dezember 1926 die Zensur und wurde im darauffolgenden Jahr, am 21. Januar erstmals im Berliner Alhambra-Kino gezeigt. Die Zwischentitel verfasste der österreichische Schauspieler und Komiker Paul Morgan.

Zur Musik

filmstreifen 06 250Die neue Musik von Frido ter Beek und Maud Nelissen für "Eine tolle Nacht" führt mitten hinein in die Musikszene Berlins der 1920er Jahre und erweist dem deutschen Film- und Schlagerkomponisten Fred Raymond (1900-1954) ihre Reverenz. Raymond war zu seiner Zeit sehr populär, er schrieb Evergreens wie ‚In einer kleinen Konditorei‘ oder ‚Mein Bruder macht im Tonfilm die Geräusche‘ und war zusammen mit Austin Egen (1987-1941) der Komponist des Stücks ‚Eine Tolle Nacht‘, das als musikalische Einlage zum Film gespielt wurde. So steht es jedenfalls im Vorspann des Films. Die neue Filmmusik knüpft in ihrer Verve und Ironie an dieses Stück – und überhaupt an den Stil von Fred Raymond - an und stellt mit ‚Gott sei Dank, heut bin ich ledig‘ (1927) oder ‚Es muss nicht Hummer sein mit Mayonnaise‘ (1930)‘ wunderbare Songs vor, die heute noch durch ihren Wortwitz und Humor begeistern.

Frido ter Beek und Maud Nelissen sind passionierte Musiker mit langer Bühnen- und Konzerterfahrung. Aus dieser Praxis heraus entstand ihre Musik, die souverän zwischen der Unterhaltungsmusik der 1920er Jahre und dem Swing und Jazz jüngeren Datums changiert. Mit der neuen Musik nimmt die Filmkomödie noch einmal richtig Fahrt auf und lässt dem Publikum die Qual der Wahl, wer hier die bessere Performance liefert: die virtuosen The Sprockets mit ihrem starken Bläsersatz und den fein ziselierten Solo-Instrumenten – oder der Film, der nach langen Jahren wieder zu sehen ist und ein Stück authentische Berliner Unterhaltungskultur zurückbringt.

Biographien

filmstreifen 09 250Richard Oswald, Regie

Richard Oswald wurde 1880 in Wien geboren. Er begann eine Karriere als Schauspieler in Wien, bevor er 1914 erstmals als Regisseur arbeitete und 1916 seine eigene Produktionsfirma, die „Richard Oswald-Film GmbH“ gründete. Oswald galt als Begründer des sogenannten Aufklärungsfilms. Er behandelte in seinen Werken häufig Tabuthermen, wie Homosexualität, Schwangerschaftsabbruch oder Geschlechtskrankheiten. Viele diese, meist in den späten 1910er Jahren entstandenen Filme wurden stark zensiert.

Nach einer Phase von eher erfolglosen Klassikverfilmungen inszenierte Oswald in den 1920er Jahren viele Genre-Filme. Ab 1926 arbeitete er für die Nero-Film, die er zusammen mit Heinrich Nebenzahl gegründet hat. Neben leichten Stoffen (‚Im weißen Rössl‘, 1926) und Altbewährtem (‚Der Hund von Baskerville‘, ‚Frühlings Erwachen‘, beide 1929) griff er mit ‚Feme‘ (1927), einem Film über die Ermordung Walter Rathenaus, auch politisch brisante Themen auf. 1930 inszenierte er seinen ersten Tonfilm ‚Wien, du Stadt der Lieder‘.

Mit Beginn des NS-Regimes floh Richard Oswald 1933 zunächst nach Paris, um später mit seiner Frau und ihren gemeinsamen Kindern in die USA zu emigrieren. In Amerika drehte er drei Filme, konnte jedoch nicht an seine früheren Erfolge anknüpfen. Während eines Besuchs in Deutschland erkrankte Oswald und verstarb am 11. September 1963 in Düsseldorf.

Frido ter Beek, Komposition und Arrangement

Frido ter Beek, Saxophonist und Komponist, stammt aus den Niederlanden und lebt seit 2015 in Buenos Aires. Er studierte klassisches Saxophon am Konservatorium in Utrecht und anschließend Jazz bei Ferdinand Povel am Konservatorium Hilversum (jetzt Amsterdam). In Buenos Aires gründete er sein eigenes Jazz-Quartett, spielt in verschiedenen Gruppen und unterrichtet in Avellaneda (Argentinien) und Montevideo (Uruguay).

Regelmäßig kommt er in die Niederlande und arbeitet mit seinen Stamm-Ensembles, dem Koh-I-Noor Saxophon Quartett, und THE SPROCKETS. Daneben spielt er mit hochkarätigen Künstlern, Theatergruppen und Orchestern wie dem Clazz Ensemble, Dutch Jazz Orchestra, Independance, Harry Sacksioni, Stef Bos, New Standard Trio, One Armed Octopus oder Simply Jazz. Als Solist am Altsaxophon spielt er in der Charli Green Big Band und arbeitet als Dirigent von Big Bands.

Komposition wird für seine künstlerische Arbeit zunehmend wichtig. Frido ter Beek schrieb mehrere Stücke für das Saxophon Quartet Koh-I-Noor, wie auch für das Sirius Saxophon Quartett, Clazz Ensemble (kleine Bigband) und diverse Duos (Cabezaz-Bavio, Imaginaire, Koleva-van Otterloo, Company Canton Cuypers). Er komponierte einige Filmmusiken, u.a. für einen Film von Louis Gasteren, für Murnaus letzten Film ‘Tabu’ (i. A. des Arka Symphony Orchestra) und für sein Stamm-Ensemble The Sprockets.

Maud Nelissen, Komposition und Arrangement

Die holländische Musikerin Maud Nelissen war eine der ersten Frauen, die in die lange Zeit männlich dominierte Riege der Stummfilm-Pianisten einbrach. Heute zählt sie zu den international bekannten Größen der Stummfilmmusik und ist auf allen großen Filmfestivals in Europa, USA und Asien zu erleben.

Sie absolvierte eine Ausbildung als klassische Konzertpianistin an der Hochschule für Musik in Utrecht bei Herman Uhlhorn, die sie mit Auszeichnung abschloss. Eine weitere wichtige Erfahrung war für sie die Zusammenarbeit mit Charlie Chaplins letztem Arrangeur Eric James in Italien. Neben Soloauftritten komponiert und arrangiert Maud Nelissen Stummfilmmusiken für Orchester und verschiedene Ensembles. Zu ihren bekanntesten Arbeiten gehören die Musik für ‚The Patsy‘ (USA 1925, King Vidor) und ‚The Merry Widow‘ (USA 1925, Erich von Stroheim) – nach Franz Léhars gleichnamiger Operette.

Sie gründete vor 15 Jahren das Stummfilm-Ensembles "The Sprockets". Das Wort Sprockets bezeichnet im Englischen die Transportrolle im Filmprojektor, die den Film vorantreibt. Mit "The Sprockets" präsentierte Maud Nelissen letztes Jahr auf den Ufa-Filmnächten ihre Filmmusik für ‚Die Apachen von Paris‘ (D 1927, Nikolai Malikoff). Neben ihrer Arbeit mit "The Sprockets" tritt Maud Nelissen mit weiteren Ensembles und Orchestern auf, wie dem Wiener Kammerorchester, Orchestra del Teatro Comunale di Bologna oder Cello8ctet Amsterdam. 2008 gab sie ihr US-Debüt beim Telluride Film Festival in Colorado, gefolgt von einem erfolgreichen Auftritt beim Turner Classic Movies Film Festival in Hollywood (2011).

Credits

filmstreifen 05 250Eine tolle Nacht

• Produktionsland: Deutschland
• Uraufführung: 21. Januar 1927 im Berliner Alhambra-Kino
• Länge der Originalfassung: 2626 Meter
• Länge der restaurierten Fassung: 83 Minuten
• Regie: Richard Oswald
• Drehbuch: Richard Oswald, Paul Morgan nach dem gleichnamigen Bühnenstück von Julius Freund und Wilhelm Mannstaedt
• Kamera: Otto Kanturek, Edgar S. Ziesemer
• Darsteller/innen: Harry Bender (Florian Pieper, Insektenpulverfabrikant aus Essig an der Gurke), Ossi Oswalda (Margot Olschinsky, Varieté-Tänzerin), Harry Liedtke (Odoardo Bonaventura, Varieté-Künstler), Ferdinand Bonn (Ruhesanft, Küster), Paul Graetz (Pille, Apotheker), Mira Hildebrandt (Therese Pieper, Florians Frau), Hermann Picha (Frau Meyer, Hebamme), Kurt Gerron (Wachmeister Lehmkuhl) u.a.
• Musik (2019, i. A. von ZDF/ARTE): Frido ter Beek und Maud Nelissen (Komposition und Arrangement)
• Musik-Einspielung: "The Sprockets" – Daphne Balvers (Sopran- und Altsaxophon) Frido ter Beek (Tenorsaxophon) Marco Ludemann (Banjo / Jazz Guitar / Mandoline) Peter Keijsers (Posaune / Sousaphon) Jasper Somsen (Kontrabass) Rombout Stoffers (Percussion, Glockenspiel / Xylophon / Akkordeon / Gesang) Maud Nelissen (Piano / Triangel)
• Musikhistorische Beratung: Dr. Jens Uwe Völmecke
• Ausführender Produzent: Thomas Schmölz 2eleven | zeitgenössische musik projekte
• Filmmaterial: Gosfilmofond Moskau
• Filmrecherche: Friedemann Beyer
• Digitale Filmrestaurierung: Omnimago GmbH
• Redaktion: Nina Goslar
• Digitalbearbeitung mit freundlicher Unterstützung von Omnimago GmbH
• © der neuen Musikfassung: ZDF in Zusammenarbeit mit ARTE 2019
• Uraufführung der restaurierten Fassung bei den UFA-Filmnächten am 21.08.2019 in Berlin.
• TV-Premiere auf ARTE am Montag, 26.08.2019, 00:00 Uhr

Textquellen: Nina Goslar (ZDF/ARTE), Presseinformation ARTE; Bild: Stummfilm Magazin/Frank Hoyer