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Geiger von Florenz 02 Quelle Friedrich Wilhelm Murnau Stiftung 250Im Rahmen seiner Reihe Weimarer Kino – neu aufgelegt zeigt das Murnau-Filmtheater am Sonntag, den 25. November 2018, um 15:30 Uhr und am Mittwoch, den 28. November 2018, um 20:15 Uhr die Tragikomödie Der Geiger von Florenz.

Regisseur Paul Czinner drehte die Produktion in den Jahren 1925/26 mit Elisabeth Bergner, Conrad Veidt, Walter Rilla und Nora Gregor. Gezeigt wird die frisch von der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung rekonstruierte Version mit eingespielter Musik des Ensemble "I solisti di Francoforte" (Komposition: Uwe Dierksen). Bei der Vorführung am 28.11.2018 hält Restauratorin Anke Wilkening eine Einführung.

Bisher war der jungen Renée die ungeteilte Aufmerksamkeit ihres geliebten Vaters sicher. Doch nach seiner Hochzeit verändern sich die häuslichen Verhältnisse. Getrieben von Eifersucht beginnt das Mädchen einen erbitterten Konkurrenzkampf mit der Stiefmutter. Als ein Versöhnungsversuch scheitert, schickt der Vater die stürmische Renée schließlich in ein Schweizer Internat. Sie aber flieht als Hirtenjunge verkleidet über die Grenze nach Italien. Während ihrer Reise durch das Land wird ein Maler auf Renées Geigenspiel aufmerksam. Er nimmt den vermeintlichen Jungen bei sich auf – und findet schon bald in Renée seine Muse …

Nach dem Erfolg des ersten Bergner-Czinner-Films Nju (1924) hatte die Ufa 1925/26 "Der Geiger von Florenz" produziert. Die Premierenkritik feierte ihn für die Entdeckung Elisabeth Bergners als neuen Typus Leinwandstar. Bislang war "Der Geiger von Florenz" in einer massiv gekürzten und veränderten US-Version verfügbar. Der US-Verleiher hatte in der rund 80-minütigen Tragikomödie nur eine deutsche Antwort auf Mary Pickford-Komödien gesehen und ihn auf 60 Minuten zu einem Backfischdrama mit komödiantischem Einschlag gekürzt. Die deutsche Verleihfassung, die am 10. März 1926 im Gloria-Palast der Ufa Premiere hatte, muss als verloren gelten. Jedoch sind zwei weitere Exportfassungen, eine Verleihkopie mit russischen Zwischentiteln und ein für den britischen Markt verwendetes Originalnegativ aus dem Bundesarchiv weitaus vollständiger als die kursierende US-Version.

Regisseur Paul Czinner nutzt den spielerischen Wechsel von Kammerspiel, Tragikomödie und Reisefilm als Spiegelbild der emotionalen Schwankungen seiner Hauptfigur. Diese Dramaturgie offenbart sich erst mit der Entdeckung einer Rückblende in der russischen Kopie und im britischen Originalnegativ, die Renées Erinnerung an eine Italien-Reise mit ihrem Vater nach dem Tod ihrer Mutter zeigt. Mit weiteren Handlungsmomenten bringen die russische und britische Version auch einige Aufnahmen zurück, die Renée als Vagabund durch die italienische Landschaft um den Lago di Lugano und Shakespear`schen Cross-Gender-Momenten mit Walter Rilla als Maler zeigt. Obwohl die russische Version zunächst am vollständigsten erschien, erwies sie sich als Grundlage der Restaurierung als am wenigsten geeignet. Massive Schäden durch Abnutzung haben immer wieder Bildsprünge bis hin zu teilweise oder ganz fehlenden Einstellungen an den Rollenwechseln verursacht. Glücklicherweise zeigte sich, dass die Kürzungen, die der britische Verleiher im Originalnegativ vorgenommen hatte, in zwei separaten Rollen erhalten sind. Darin befanden sich auch sämtliche Inserts mit Renées Tagebucheinträgen, Briefen und Zeitungsausschnitten auf Deutsch. Mit den wieder eingefügten Schnitten erwies sich das Originalnegativ als vollständiger als die russische Fassung. Die deutschen Zwischentitel sind nicht erhalten, doch ist ihr Text auf der Zulassungskarte vom 09. März 1926 aus dem Bundesarchiv dokumentiert. Die beiden Schnitt-Rollen enthielten auch Fragmente von zwei Titeln und die Besetzungsliste als vollständigen Rolltitel, so dass eine Referenz für die Typografie der deutschen Titel vorlag. Die Besetzungsliste wurde im Original übernommen und die Zwischentitel in einer ähnlichen Typografie neu gestaltet. Die digitale Restaurierung wurde ermöglicht durch die Unterstützung von Bertelsmann als Hauptsponsor sowie mit Mitteln aus der Digitalisierungsoffensive der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Zur Reihe "Weimarer Kino – neu aufgelegt": Vor 100 Jahren, am 9. November 1918, wurde in Berlin die Republik ausgerufen. Die Novemberrevolution hatte sich aus dem Kieler Matrosenaufstand am Ende des Ersten Weltkrieges entwickelt. Innerhalb weniger Tage war das ganze Reich von dem Aufstand erfasst, der die Bundesfürsten des Deutschen Reiches nach und nach zur Abdankung zwang. Die darauf folgende Weimarer Republik war Deutschlands erste Demokratie und damit einer der größten Wendepunkte in der deutschen Geschichte. Innerhalb kürzester Zeit schufen die damaligen Politiker die Grundlagen für die seinerzeit fortschrittlichste Demokratie weltweit. Doch war die junge Demokratie durch die unmittelbaren Kriegsfolgen, eine Hyperinflation sowie zahlreichen Umsturzversuche und politische Morde auch von vornherein krisengeschüttelt. Die Weltwirtschaftskrise ab Ende 1929, die Präsidialkabinette nach dem Bruch der Großen Koalition am 27. März 1930 und der Aufstieg der Nationalsozialisten mündeten schließlich in ihrem verheerenden Ende.

Der Untergang des Kaiserreiches und die Schrecken des Ersten Weltkrieges, die Wirren und die Konflikte der Weimarer Republik spiegeln sich im gesellschaftlichen sowie kulturellen Leben wider. Auch die Aufbruchsstimmung und der Erneuerungsgeist wurden in der Kunst sichtbar. Im Kino bedeutete beispielsweise der Übergang vom Stummfilm zum Tonfilm nicht nur aus technischer, sondern auch aus wirtschaftlicher und ästhetischer Sicht einen Paradigmenwechsel. Das Weimarer Kino gilt daher bis heute als Blütezeit des deutschen Films, dessen Einfluss bis ins Kino der Gegenwart spürbar ist. Das Anliegen der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung ist es, diese bedeutende Epoche des deutschen Films, zu erhalten, zu restaurieren und zu rekonstruieren sowie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Aus dem gegebenen Anlass wird ab November 2018 jeden Monat ein Film aus der Weimarer Epoche als aktuelles Restaurierungs- bzw. Digitalisierungsprojekt der Murnau-Stiftung präsentiert – zum ersten Mal im Murnau-Filmtheater. mehr
Textquelle und Foto: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

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