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100 jahre stummfilm klassiker logo 250Am 28. Mai 1919 wurde im Berliner "Apollo-Theater" das Drama "Anders als die Andern" uraufgeführt.

Autor Frank Hoyer stellt im Rahmen der Stummfilm Magazin-Initiative 100 Jahre Stummfilm-Klassiker der Weimarer Republik das seinerzeit umstrittene Werk vor. Es gilt als der erste Film, der Homosexualität offen als gesellschaftliches und politisches Thema behandelt und ist nur noch in einer stark gekürzten Fassung erhalten.

Weitere Gründe, in diesem Jahr an "Anders als die Andern" zu erinnern, sind das 50-jährige Jubiläum des Stonewall-Aufstandes am 27. und 28. Juni 1969 in der New Yorker Christopher-Street und die 25 Jahre zurückliegende Streichung des § 175 aus dem Strafgesetzbuch am 11. Juni 1994.

Anders als die Andern (D 1919)

Ein Aufklärungs- und Sittenfilm schreibt Geschichte

Vor 100 Jahren hätten es sich der österreichische Regisseur Richard Oswald und sein Berater, der deutsche Arzt und Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld, bei der gemeinsamen Produktion des sogenannten Aufklärungs- und Sittenfilms "Anders als die Andern" (Deutschland 1919) nicht einmal im Traum einfallen lassen, dass Schwule und Lesben einmal gleichberechtigt mit heterosexuellen Menschen Einlass in die Standesämter bekommen könnten.

Ein drängenderes, oft existenzbedrohendes Problem stand zu jener Zeit für „gleichgeschlechtlich Liebende“ im Vordergrund: die rechtliche Kriminalisierung von Homosexuellen aufgrund des Paragrafen 175, der einvernehmliche sexuelle Handlungen zwischen erwachsenen Männern unter Strafe stellte.

"Anders als die Andern", das weltweit erste Kinowerk gegen die Diskriminierung von Schwulen, erzählt von einem Erpressungsdelikt im Zusammenhang mit dem § 175. In Hauptrollen sind Conrad Veidt, Fritz Schulz und Reinhold Schünzel zu sehen, in einer Nebenrolle die legendäre Anita Berber. Magnus Hirschfeld persönlich mimte einen Experten und forderte in ausführlichen Zwischentiteln die Abschaffung des Paragrafen. Es war nicht die erste Kooperation zwischen Oswald und Hirschfeld. Schon bei der zweiteiligen Produktion "Die Prostitution" (1919), ebenfalls mit den oben genannten Schauspieler/innen in tragenden Rollen, fungierte er als Ratgeber.

Hirschfeld war einer der weltweit bekanntesten Sexualwissenschaftler seiner Zeit. 1919 eröffnete er das Institut für Sexualwissenschaften. 22 Jahre zuvor hatte er – ebenfalls in Berlin – schon mit dem Wissenschaftlich-humanitären Komitee (WhK) die erste Homosexuellen-Organisation der Welt gegründet. Der zeitlebens Umstrittene und Angefeindete starb am 14. Mai 1935 in Nizza. Im Exil musste er miterleben, wie 1933 das Institut für Sexualwissenschaft von den Nationalsozialisten zerstört und die einzigartige wissenschaftliche Bibliothek verbrannt wurde.

"Anders als die Andern" war ein großer Erfolg an den Kinokassen und mit überdurchschnittlich vielen Kopien in Deutschland im Einsatz. In den Medien wurde er kontrovers diskutierten und die Vorführungen teilweise massiv gestört, wobei nicht nur homophobe, sondern auch antisemitische Hetze gegen Oswald und Hischfeld laut wurden. Der Film war dann auch einer der Auslöser, die erst achtzehn Monate zuvor abgeschaffte Filmzensur in der Weimarer Republik wieder einzuführen. Das sogenannte Lichtspielgesetz trat am 12. Mai 1920 in Kraft. Die Kopien von "Anders als die Andern" wurden vernichtet, nur noch ein vierzig Minuten langes Fragment ist erhalten.

Der im Film thematisierte § 175 wurde erst 1994, knapp 80 Jahre nach der Veröffentlichung von "Anders als die Andern" abgeschafft. Knapp 25 Jahre später, am 30. Juni 2017, beschloss dann der Deutsche Bundestag fraktionsübergreifend und mit deutlicher Mehrheit, die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare zu öffnen. Der Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD) erklärte nach der Beschlussfassung von der "Ehe für Alle": "Das ist ein historischer Tag! Nicht nur für Lesben und Schwule, sondern auch für eine gerechtere und demokratischere Gesellschaft. Ob man in Deutschland heiraten darf oder nicht entscheidet zukünftig nicht mehr das Geschlecht, sondern Liebe, Zusammenhalt und das Versprechen, in guten wie in schlechten Zeiten füreinander da zu sein."

Dieser Aussage hätte Magnus Hirschfeld bestimmt mit großer Begeisterung beigepflichtet.

Autor: Frank Hoyer

♦ Aktuelle Filmbesprechungen findet man zum Beispiel auch auf Spiegel Online, Deutsche Welle und Prisma Online.
♦ Literaturtipp: „Anders als die Andern. Ein Film und seine Geschichte" von James Steakley, Männerschwarm-Verlag, Hamburg 2007, ISBN 978-3-939542-43-8, mehr
♦ DVD-Tipp: Bei Edition Filmmuseum wurde eine sorgfältige Rekonstruktion von "Anders als die Andern" mit zahlreichen ergänzenden Materialien veröffentlicht. mehr
♦ Ausstellungstipp: Das Centrum Schwule Geschichte in Köln zeigt vom 06. bis 30. Juni 2019 im Landeshaus des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR, Kennedyufer 2, 50679 Köln) eine Ausstellung zur Historie des §175. mehr

Credits
Titel: Anders als die Andern
Regie: Richard Oswald
Drehbuch: Richard Oswald, Magnus Hirschfeld
Kamera: Max Faßbender
Darsteller: Conradt Veidt, Reinhold Schünzel, Fritz Schulz, Magnus Hirschfeld, Anita Berber, Ernst Tittschau, Alexandra Wiellegh, Ilse von Tasso-Lind, Wilhelm Diegelmann
Produktionsfirma: Richard Oswald Film-Produktion
Produzent: Richard Oswald
Uraufführung: 28.05.1919, Apollo-Theater Berlin

Weitere Informationen zum Film
Wikipedia 
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IMDB