richard siedhoff 2 250von Richard Siedhoff

Vielen gelten Stummfilme immer noch als "unvollendete Übergangslösung" zum Tonfilm, ebenso wie Schwarz-Weiß vielen nur eine Vorstufe zu echten Farbfilm gilt. Das ist natürlich unsinnig, dann könnte man auch behaupten, die Renaissance-Malerei sei nur eine Übergangslösung zur Fotografie.

Aber richtig, Stummfilme können die Realität nicht "real" abbilden. Das ist gleichzeitig ihre große Stärke: Stummfilme regen das Denken an. Was nicht gesagt werden kann, wird durch gezielte Bildwirkungen, Montagewirkungen oder schauspielerische Fokussierung letztendlich im Bewusstsein des Betrachters evoziert. Stummfilme können Gefühle auslösen, die heutige Filme nicht mehr erreichen können oder nicht wollen. Stummfilme sensibilisieren das Bewusstsein, schärfen den Verstand; und wenn wir sie im Kino mit Live-Musik erleben, dann haben wir ein ganz besonderes, spannendes Kollektiverleben – Filme, besonders Stummfilme gehören auf die Leinwand in einen dunklen Saal vor ein großes Publikum, erst da kann sich diese Kunstform richtig entfalten.

Die Faszination von Stummfilmen liegt in deren besonderen Ausdruckskraft – Gefühle und Geschichten auf eine Art zu transportieren, die es heute nicht mehr gibt und damit gleichzeitig eine der interessantesten und ereignisreichsten Epochen der Neuzeit in all ihren Facetten abzubilden. Stummfilme sind zumeist unglaublich psychologisch.

Natürlich habe auch ich meine Stummfilm-Favoriten! Zum einen begeistern mich Filme von Buster Keaton, die nach wie vor durch ihre Schlichte, klare und unglaublich geistreiche Inszenierung fesseln. Zumdem haben es mir die Werke von G. W. Pabst besonders angetan – ihre Abgründigkeit und ihre Schärfe und ihre Kreativität in der Inszenierung. "Die Liebe der Jeanne Ney" ist wundervoll: böse, spannend bis zum Ende und unglaublich dynamisch. Andere große Favoriten von mir sind "Das Glück" von Alexandr Medwedkin, "Three Bad Men" von John Ford und "The Informer" von Arthur Robison. Auch die "Jeanne d’Arc" von Dreyer hat es in sich. So müssen Filme sein.

Richard Siedhoff gehört zu den profiliertesten und meistbeschäftigten Stummfilmmusikern im deutschsprachigen Raum. So ist er regelmäßig bei großen Stummfilmtagen und auf DVD-Produktionen zu hören. mehr
Bild: privat

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