kopf im quadrat rot 250Von André Stratmann

Ein kleines Plakat in der Bochumer Innenstadt hatte mich auf ein Stummfilmfest aufmerksam gemacht. Das war 1997 und es bewarb die Stummfilmtage in Bonn. Seither bin ich dort Jahr für Jahr zu Besuch. Das ist schon etwas Besonderes und es hat Eventcharakter in Gesellschaft so vieler Leute alte Filme mit Livemusik unter freiem Himmel zu sehen. Eine Nummer größer ist das Stummfilmfestival im italienischen Pordenone, auf dem ich gemeinsam mit Freunden gewesen bin. Tagelang Stummfilme von morgens bis Mitternacht zu sichten, das ist schon sportlich! Inzwischen hat sich unser Filmkreis ständig erweitert und man trifft sich dann und wann übers Jahr in lockerer Runde. So hat eine vielleicht nicht ganz alltägliche Faszination, die Leidenschaft für den Stummfilm, Menschen zusammengeführt. Die Lust auf den stummen Film nahm bei mir in jungen Jahren ihren Anfang.

Für ein Kind war es in den 1970er-Jahren ein Leichtes, mit Stummfilmen in Berührung zu kommen. Erste Erfahrungen machte ich regelmäßig freitags am frühen Abend. Da wurden im Fernsehen die von Hanns Dieter Hüsch eingedeutschten Stummfilmabenteuer von "Pat und Patachon" und "Dick und Doof" gezeigt, während ich, mit dem Abendbrotteller auf der Wohnzimmercouch sitzend, wie gebannt zuschaute und dabei vergaß, ins Butterbrot zu beißen. Ich denke, als Sechs- oder Siebenjähriger habe ich noch nicht besonders unterschieden, ob mich nun montags „Orzowei“ unterhielt, dienstags „Kimba“ oder eben freitags diese lustigen Filme in schwarz-weiß. Jede Kindheit hat ihre Helden. Dabei war es unerheblich, dass es sich bei den kurzen Komödien, wie ich erst später verstand, um nachträglich bearbeitete und mithin umgeschnittene und verfälschte Filme handelte. Sie waren jedenfalls ein Türöffner, und mein Interesse war geweckt.

Meine Aufmerksamkeit wurde größer, als dann das ZDF in der Sendereihe "Matinee" am Sonntagvormittag Stummfilmklassiker ausstrahlte. Aus dieser Zeit waren mir Jahre danach noch viele Szenen erinnerlich, wie z.B. der große Kerzensaal in "Der müde Tod", die blutige Treppenszene aus "Panzerkreuzer Potemkin" und die komischen Häuser in "Das Cabinet des Dr. Caligari". Bilder von einer visuellen Kraft, die sich mir eingebrannt hatten. Als Halbwüchsiger verließ mich das Interesse am stummen Film.

Erst zu Beginn der 1990er-Jahre erwachte es dank einer Greta-Garbo-Retrospektive in der ARD wieder. Inzwischen hatte ich gelernt, dass die Häuser in „Caligari“ nicht komisch sind, sondern absichtlich so aussehen, und man als Expressionismus bezeichnet. Ich schaute nun Stummfilme bewusster und beschäftigte mich mit dem Thema anhand von Literatur. Das heute noch bei vielen Stummfilmbegeisterten bekannte Buch „Klassiker des deutschen Stummfilms“ von Ilona Brennicke und Joe Hembus war eine Art Bibel für mich. Rasch entwickelte sich ein Faible für die eher düsteren Stoffe à la "Fuhrmann des Todes" von Victor Sjöström, Lon Chaney als "Das Phantom der Oper" oder Paul Wegener in der Rolle des "Golem".

Bevor es das Internet gab, in der Zeit der Videokassetten, war es nicht so einfach mit Gleichgesinnten, die dieses "seltsame" Hobby teilten, in Kontakt zu kommen. Was war ich kribblig, endlich jemanden gefunden zu haben, der einen Mitschnitt von „Nosferatu“ mit der Begleitmusik von Hans Posegga besaß! Bei meiner eigenen Aufnahme hatte es nämlich Bandsalat gegeben. Wollte man Filmgeschichte entdecken und sammelte Stummfilme, dann war es erst einmal nebensächlich, ob eine ergatterte Filmkopie filmhistorisch korrekt war oder nicht. Giorgio Moroders "Metropolis" Fassung in Longplay gegen "Das Wachsfigurenkabinett" mit englischen Zwischentiteln und ohne Musikbegleitung? Klar, nur her damit! Eigentlich eine Sünde. Denn der Stummfilm war natürlich niemals stumm. Heute ist Stummfilmmusik in meinen Augen (und Ohren) etwas elementar Wichtiges. Sie trägt viel zur Stimmigkeit bei. Die Musik sollte jedoch den Film unterstützen und sich nicht in den Vordergrund spielen. Gerade bei solchen Stummfilmen, denen es mit nur wenigen Zwischentiteln allein gelingt, kraft einer durchdachten Bildsprache die Geschichte voranzutreiben. F.W. Murnaus "Der letzte Mann" hat mich daher schon immer besonders beeindruckt.

Hat man einen gewissen Kanon von Stummfilmen geschaut, dann wird im Vergleich mit unserer gegenwärtigen Zeit erkennbar, wenn auch unter anderen Vorzeichen, dass doch irgendwie alles schon einmal dagewesen ist: Bereits in den 1920er-Jahren wurden in Filmdramen wie "Die freudlose Gasse" oder "Mutter Krausens Fahrt ins Glück" soziale Missstände der Zeit aufgegriffen. Wie heute gab es auch damals in die Zukunft weisende Utopien und Science-Fiction, beispielsweise in "Aelita" und "Metropolis". "Der Student von Prag" sorgte für Grusel. Gelacht wurde über Späße von Chaplin, Keaton und Harold Lloyd, die noch heute funktionieren. All das und mehr sind Emotionen und Sujets, die Menschen immer schon berührt haben. Der Stummfilm war bunt. Und in diese Vielfalt gelegentlich einzutauchen, kann eine schöne Zeitreise sein.

André Stratmann ist ein ausgezeichneter Kenner der Stummfilmgeschichte. Seine legendäre Webseite "Stummfilm-Fan" vernetzte über viele Jahre Freund/innen des frühen Films.
Bild: Stummfilm Magazin

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